Cherry: Tom Holland im Drogenmilieu bei Apple TV+ – wie gut ist der Film?

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Anthony und Joe Russo sind die wohl erfolgreichsten und gefragtesten Regisseure der Dekade. Mit nur vier Marvel-Filmen spielten sie den Kinokassen etwa sechs Milliarden Dollar ein – ein Rekord für die Ewigkeit. Dennoch ließen die Brüder verlauten, erst einmal keine weiteren Marvel-Filme drehen zu wollen und stattdessen neue Dinge auszuprobieren. Doch auch da bleiben sie bislang weitgehend bei ihrem Fachgebiet: Action. Als Produzenten brachten sie unter anderem 21 Bridges und Extraction auf den Weg – harte Action-Thriller. Mit Cherry haben die Russos nun das Terrain gewechselt und erzählen ein Drogen-Drama. Können sie das auch? Oder haben auch die Russos Grenzen?

Cherry Emily @Apple

Als Cherry Emily sieht, ist es um ihm geschehen: Er verliebt sich sofort in die Studentin.

Die Handlung

Cherry (Tom Holland) ist ein junger Mann, der in den Tag hineinlebt. Als er Emily (Ciara Bravo) kennenlernt und sich in die junge Studentin verliebt, scheint alles in die richtige Richtung zu fließen. Doch plötzlich will Emily nichts mehr von ihm wissen, plant sogar, die Stadt zu verlassen und in Kanada zu studieren. Cherry fasst daraufhin den verhängnisvollen Entschluss, sich freiwillig für die Armee zu melden, um seinen Schmerz möglichst weit hinter sich zu lassen. Als bereits alles erledigt ist, taucht Emily wieder auf und eröffnet Cherry, dass sie das Wagnis, mit ihm zu leben, doch eingehen möchte. 

Doch die Armee ist unnachgiebig: Cherry kann keinen Rückzieher machen und muss nach seiner Grundausbildung zum Sanitäter in den Irak-Krieg. Zwei Jahre lang erlebt er dort, wie seine Kameraden sterben und er in den allermeisten Fällen nichts für sie tun kann. Das schafft auch den früher so lockeren Cherry und er entwickelt Post-traumatisches Stress-Syndrom (PTSD), das ihn auch nach seiner Rückkehr nach Hause nicht loslässt. Nachts wacht er schreiend auf, die Armee hat es aber mit Hilfen für ihn nicht eilig. So nimmt Cherry immer mehr Drogen, um seinen Kopf zumindest für eine Weile ruhig zu stellen. Mit fatalen Folgen für sich und Emily ...

Cherry @Apple

Die erste Zeit ist schön, doch dann will Emily Cherry verlassen

Am Themenkomplex verhoben

Der gleichnamige, autobiografische Roman von Nico Walker diente als Vorbild für Cherry. Mit Tom Holland gewannen die Russos einen der angesagtesten Schauspieler seiner Generation für die Hauptrolle und der Film beschäftigt sich mit einigen der großen Themen Amerikas: Kriege und deren Opfer, die Drogenschwemme, Perspektivlosigkeit junger Leute. Sicher eine Herausforderung für jeden Regisseur, kein Wunder also, dass sich die Russos so ein Projekt ausgesucht haben, um von ihrem Action-Image etwas abzurücken. Leider haben sich die Brüder aber in diesem Themenkomplex gründlich verhoben – trotz guter Darsteller.

Die Grundproblematik bei Cherry liegt dabei in der Handlung. Solche Dramen haben Filmemacher schon oft erzählt. An dieser Story, in der ein junger Mann mit Drogenproblemen in die Kriminalität abrutscht, ist absolut nichts Neues. Das schien auch den Russos klar zu sein, die daher von Anfang an auf andere, originelle Wege setzten, um die 140 Minuten lange Geschichte von Cherry zu erzählen. In fast jeder Szene suchen sie nach einem innovativen Blickwinkel oder interessanten Bildern, lassen Tom Holland zu Beginn exzessiv mit dem Publikum reden und dabei die vierte Wand durchbrechen. Doch nichts davon halten sie durch und so ist der Ton des Films komplett uneinheitlich.

Cherry im Irak @Apple

Cherry hat sich nach der Trennung zur Armee gemeldet und kann nach der Versöhnung nicht zurück.

Gut gespielt, aber nicht packend

Zu Beginn darf man Cherry noch für eine düstere Satire im Stil von I, Tonya halten, denn auch hier beginnt der Film mit dem Ende. Und Cherry kommentiert viel aus dem Off über Dinge, die anders hätten laufen sollen. Das nimmt aber jegliche Spannung aus dem Plot, der Zuschauer weiß nach fünf Minuten, wohin die Reise geht. Je mehr sich Cherry dann aber mit der Drogensucht beschäftigt, desto mehr verschwindet der Comedy-Ton aus dem Film. Offenbar haben die Russos gemerkt, dass in dieser Düsternis keine Gags mehr zünden. Und so hängen die fünf Akte des Films, garniert mit Prolog und Epilog, nie so richtig zusammen, können sich selten für eine Emotion entscheiden, die sie transportieren wollen.

So bleiben die Charaktere seltsam fremd und flach, der Zuschauer stets nur ein mehr oder weniger interessierter Beobachter, der nie wirklich in die Handlung eintaucht und emotional angesprochen wird. Erst in der letzten halben Stunde vermögen es die Russos, diesen Griff ein wenig aufzubauen und das Publikum damit zu packen. Hier und da fühlt man sich an Klassiker erinnert, ein wenig von Scorseses Mafiafilmen scheint manchmal hindurch, auch Requiem for a Dream mag als Vorbild gedient haben. Aber Anthony und Joe Russo erreichen die Intensität dieser Vorbilder nie. Und so wird aus dem großen American Drama mit sicheren Oscar-Themen ein Film, den die US-Kritiker hart abstraften.

Cherry @Apple

Wieder in den USA, rutscht Cherry schnell in eine Drogensucht – und zieht Emily mit sich.

Dabei hat Cherry starke Momente. Und zwar immer dann, wenn die Russos machen, was sie am besten können. Die Kampfszenen im Irak-Krieg sind hochklassig inszeniert, der gesamte Mittelteil des Films stark gemacht. Das Drogen-Drama liegt den Russos sichtbar weniger, hier fehlen die guten Einfälle mehr und mehr. Abraten würden wie vor allem Fans von Tom Holland dennoch nicht. Was der junge Brite hier zeigt, kann sich mehr als sehen lassen und dürfte ihm die Tür zu weiteren Charakterrollen ein Stück weiter geöffnet haben. Die Russos hingegen sollten darüber nachdenken, doch lieber bei Action-Thrillern zu bleiben. Mit The Gray Men ist der nächste (für Netflix) bereits in Arbeit.

Fazit:

Cherry bietet zwar gute Schauspieler-Leistungen, kann aber formal weitaus mehr überzeugen als inhaltlich. Daher gelingen den Russo-Brüdern immer wieder starke Momente und gute Szenen, aber kein emotional packender Film. Das Leiden der drogensüchtigen Protagonisten bleibt für das Publikum auf angenehmem Abstand, an ein so beinhartes Drogen-Drama wie Requiem for a Dream reicht Cherry nicht heran. Wer seine Zuschauer erreichen will, sollte zusätzlich auch wissen, ob der eine dunkle Satire oder einen tieftraurigen Drogenfilm drehen möchte. Die Russos wirken hier sehr unentschlossen – und das merkt man dem Film leider auch an.

Cherry startet am 12. März 2021 bei Apple TV+.

Cherry @Apple

Cherry braucht ständig Geld für Drogen und wird daher zum Bankräuber.

Wertung

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