„Der weiße Tiger“: Gier, Ungerechtigkeit und Korruption in Indien

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2008 veröffentlichte der indische Journalist Aravind Adiga mit „Der weiße Tiger“ seinen viel beachteten Debütroman. „Der weiße Tiger“ wurde von der Kritik als schwarzhumorige, ebenso nachdenklich stimmende wie mitreißend-flott erzählte, kritische Auseinandersetzung mit dem indischen Kastensystem, Korruption und Kapitalismus bezeichnet. Unter anderem landete der Roman in der Bestsellerliste der „New York Times“, wurde mit der angesehenen britischen Literaturauszeichnung Man Booker Prize prämiert und wurde in Deutschland nicht nur als ein über sechs Stunden langes Hörbuch verwertet, sondern auch als ein aufwändiges Hörspiel von Deutschlandradio Kultur und dem NDR.

Wer keine Hörspiele mag, keine 392 Minuten Zeit für ein Hörbuch hat und dennoch „Der weiße Tiger“ in einem anderen Medium erleben will als in Schriftform, darf sich glücklich schätzen: Netflix hat sich dem Erfolgsroman angenommen und veröffentlicht demnächst eine 126 Minuten lange Verfilmung des Stoffes. Für Regisseur Ramin Bahrani, dem Kopf hinter Indie-Kritikerlieblingen wie „Chop Shop“ und dem Kurzfilm „Plastic Bag“, in dem Werner Herzog ein Stück Plastikmüll spricht, stellt dies einen Schritt in Richtung Mainstream dar. Ob das ein gelungener Schritt ist ..?

Der weiße Tiger

Darum geht’s

Balram Halwai (Adarsh Gourav) ist ein wohlhabender und einflussreicher Unternehmer in Indien. Doch das war nicht immer so: Bevor er ins „Indien des Lichts“ gelang, war er einer der vielen Menschen aus dem „Indien der Dunkelheit“, wie er es bezeichnet. In einem kleinen Dorf als Teil einer großen Familie geboren, musste sich Balram schon im jüngsten Kindesalter durchkämpfen, um irgendwie Geld für Essen ranzuschaffen. Als er eines Tages eine Stelle als Ersatzfahrer (und Diener für alle möglichen Dinge, die so anfallen) für ein besser betuchtes Pärchen ergatterte, war dies für Balram bereits die Erfüllung eines Traums,seine Schlafstätte in einem staubigen Keller glich in seinen Augen einem Palast.

Und doch wollte Balram mehr. Erst, um besser für seine Familie zu sorgen. Dann, um dem Einfluss seiner herrischen Großmutter zu entkommen. Dann, um seinen Durst nach Erfolg und Anerkennung zu stillen. Er bootete den Lieblingsfahrer von Ashok (Rajkumar Rao) und Pinky (Priyanka Chopra-Jonas) aus und machte sich für seine „Meister“ unentbehrlich. Aber eine schicksalsträchtige Nacht führte ihm vor Augen, wie korrupt das ganze System ist. Also beschloss er, aufzubegehren … 

Der weiße Tiger

„Slumdog Millionär“ trifft „Wolf of Wall Street“?

Arvind Adigas Roman „Der weiße Tiger“ stellt zwar einen großen Erfolg dar – musste aber durchaus Gegenwind einstecken. Denn nicht wenige Leser:innen (ob aus dem Feuilleton oder dem zahlenden Publikum) stießen sich an der Charakterzeichnung der zentralen Figur Balram. Dadurch, dass die Geschichte aus seiner Position erzählt wird, wird die Leserschaft unmittelbar mit tief verwurzelten Vorurteilen und heuchlerischer Doppelmoral konfrontiert. Balram bezeichnet „die Weißen“ als „durch Sodomie und Drogenmissbrauch degeneriert“, zelebriert Chinas unerbittliche Politik und verallgemeinert munter Menschen muslimischen Glaubens – und das ist nur die Spitze des Eisbergs. 

Jedoch muss man zwischen den Ansichten einer Figur und der Aussage des Gesamtwerks trennen – und Romanautor Arvind Adiga macht in „Der weiße Tiger“ wiederholt unmissverständlich klar, dass gute Menschen schlimme Seiten an sich haben können, böse Menschen auch mal Gutes tun, und ab und zu völlige Charakterwiderlinge gelegentlich richtig liegen können. Und vor allem: Man kann rasch die Seiten zwischen moralisch und unmoralisch wechseln. Balram macht da keine Ausnahme: Teils werden ihm schädliche Ansichten eingetrichtert, teils steigert er sich in sie hinein, um in einem kaputten, kompetitiven und unfair austarierten System zu überleben. Bloß, weil Belram mehrmals übel mitgespielt wird, ist er keine Sympathiefigur – und je gieriger er wird, desto mehr sollen wir uns von ihm distanzieren. In Scorseses „Wolf of Wall Street“ sollen wir ja auch nicht mit Jordan Belfort sympathisieren.

Apropos „Wolf of Wall Street“: Regisseur und Autor Ramin Bahrani gestaltet seine „Der weiße Tiger“-Adaption durchaus als eine Art indienbasierte Antwort auf Scorseses Exzessepos. Vor allem im ersten Drittel und im Mittelpart sind Balrams Erzählkommentare ähnlich schmissig, flott und zynisch wie die in „Wolf of Wall Street“, und in Sachen Erzähltempo sind die Filme ebenfalls verwandt. Darüber hinaus dient „Der weiße Tiger“ aber auch als Anti-„Slumdog Millionär“, da Ramin Bahrani eine ähnliche Tour entlang Indiens Sozialleiter bietet wie Danny Boyle in seinem mehrfachen Oscar-Gewinner – nur frei von romantischem Kitsch und glücklichen Zufällen.

Der weiße Tiger

Eine Schauspielentdeckung

Der größte Treffer von Bahranis „Der weiße Tiger“ ist aber nicht, wie er den Roman effizient auf etwas mehr als zwei Filmstunden kondensiert, sondern die große Entdeckung im Zentrum des Casts: Adarsh Gourav ist Newcomer – aber er dürfte nach diesem Film eine große Zukunft vor sich haben. Als Balram macht er eine riesige, dennoch vollauf plausible Entwicklung durch. Die Unterwürfigkeit seiner Figur ist geradezu schmerzlich – aber nachvollziehbar, da Gourav deutlich macht, wie sehr Balram das verinnerlicht hat, was die Gesellschaft ihm sein Leben lang eintrichterte.

Balrams Tricksereien, um sich eine bessere Position zu ergattern, legt Gourav glaubhaft so an, dass sie zunächst zwischen „Ich muss das machen, aber es schmerzt“ und „Ich habe Blut geleckt“ balancieren – und nach und nach kippt seine Deutung der Figur. Der Balram, der die Rahmenerzählung bestreitet, ist wie ausgewechselt – und doch lässt Gourav ausreichend Spurenelemente des „alten Balrams“ durchschimmern, dass sich alles zusammenfügt.

Auch Rajkummar Rao (bekannt aus dem Anthologiefilm „Ludo“, der ebenfalls auf Netflix ist) und Priyanka Chopra („Baywatch“, „We Can Be Heroes“) hinterlassen bleibenden Eindruck: Sie brillieren darin, Balrams Arbeitgeber mit einer dünnen, doch blendenden Schicht des Charismas und der Nettigkeit zu versehen, so dass es durchaus dauert, bis man deren Arroganz und Verlogenheit im angemessenen Maße begreift. 

Der weiße Tiger

Packende Systemkritik

Mit einem sehr schwarzen, beißenden Humor, einer packenden Erzählweise und einer stetigen, unnachgiebigen Direktheit, mit der „Der weiße Tiger“ soziale Ungerechtigkeit und Gier vorführt, ist diese Bestselleradaption eine eindrucksvolle, dramatische Gesellschaftskritik. Zwar wird der Mangel an Sympathieträgern bei vielen Interessenten das emotionale Element ausbremsen („Einfach alle sind mies“ ist halt nicht jedermanns Ding). Und gleichzeitig gilt, dass die großen Zeitsprünge im letzten Drittel einige der unangenehmsten Entwicklungen Balrams nur implizieren, statt sie mit derselben Genauigkeit zu skizzieren, mit der der Rest des Films versehen ist … 

Fazit:

Der weiße Tiger ein sehenswertes, schmerzendes Drama, das den Schmiss und die Komplexität von „Wolf of Wall Street“ auf die Themen aus „Slumdog Millionär“ anwendet und somit einen Realitätscheck des verkitschten Publikumslieblings betreibt. 

„Der weiße Tiger“ ist ab dem 22. Januar 2021 auf Netflix abrufbar.

Alle Bilder © Netflix

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