Die Ausgrabung: Feines Drama mit Starbesetzung jetzt bei Netflix

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Der Fund im englischen Sutton Hoo gehört zu den wichtigsten frühmittelalterlichen Artefakten, die jemals in England ausgegraben wurden. Das Schiffsgrab eines bedeutenden Mannes aus dem 6. oder 7. Jahrhundert, heute vermutet man die letzte Ruhestätte des angelsächsischen Königs Raedwald, war damals eine Sensation, weil es gängige Meinungen über diese Zeit über den Haufen warf. In Die Ausgrabung spielt Ralph Fiennes den Entdecker Basil Brown, der auf das vergrabene Schiff stieß. Wie es sich für ein britisches Drama gehört, treten hier aber auch noch ganz andere Dinge zutage als nur archäologische Schätze. Ob das für einen guten Film reicht, klärt die Kritik.

Die Ausgrabung

Die Handlung

Die wohlhabende englische Witwe Edith Pretty (Carey Mulligan) heuert den Ausgräber und Hobby-Archäologen Basil Brown (Ralph Fiennes) an, der bisher für Museen in der Nähe tätig war. Sie möchte, dass er sich einige Hügel auf ihrem Land genauer ansieht, unter denen Pretty Gräber aus der Wikingerzeit vermutet. Der wortkarge, verschrobene Brown beginnt eher routiniert als begeistert mit seiner Arbeit, freundet sich aber bald mit Prettys Sohn Robert (Archie Barnes) an, dessen Phantasie dem selbst an Themen wie dem Weltall interessierten Mann gut gefällt. Und auch die kränkliche, aber sehr intelligente und freundliche Edith hat es ihm bald auf freundschaftliche Weise angetan.

Als Brown dann erste Spuren eines Schiffes findet, das offenbar unter dem großen Hügel begraben liegt, wird ihm schnell klar, dass er etwas Bedeutendes entdeckt haben muss. Das Museum, für das er regelmäßig arbeitet, schickt daraufhin den renommierten Archäologen Charles Phillips (Ken Stott, Der Hobbit) an die Fundstelle, der mit seinem arroganten und herablassenden Auftreten bald alle Einheimischen gegen sich aufbringt. In seinem Schlepptau kommt auch die junge Forscherin Peggy Preston (Lily James) zur Ausgrabung, die Phillips nur wegen ihres leichten Körpergewichts holen ließ, um keine Schäden zu verursachen. Sie entdeckt in der Provinz neben den Funden noch andere interessante Objekte ...

Die Ausgrabung

Britisch bis in Mark

Wenn ein Prädikat auf Die Ausgrabung zutrifft, dann ist es Typisch Britisch! Die Engländer verstehen sich einfach gut auf diese Art von Film und haben auch Spaß daran, historische Ereignisse mit einer besonderen Note zu versehen. Das gelingt auch dem australischen Regisseur Simon Stone, der das Drehbuch der auf historische Stoffe spezialisierten Autorin Moira Buffini inszenierte. Zwar spielt Die Ausgrabung nicht mehr in der victorianischen Zeit wie viele berühmte Filme aus England, aber die Anmutung ist doch immer noch gleich. Etikette wahren, höflich bleiben, seine Gefühle nicht zeigen - davon sind auch die Charaktere in diesem Film erfüllt.

Und das wird, wie etwa im Fall von Was vom Tage übrig blieb, auch gern einmal mit dem Oscar prämiert. So weit dürfte es Die Ausgrabung allerdings nicht bringen, obwohl den Schauspielern hier wenig vorzuwerfen ist. Das Problem ist hier wie so oft das Drehbuch, das sich lange nicht festlegen will, welche Figuren nun eigentlich im Mittelpunkt der Geschichte stehen sollen. Dadurch gelingt es letztlich keiner. Und das ist deshalb schade, weil die ohnehin unterdrückten Emotionen der englischen Gesellschaft am Vorabend des Beginns des Zweiten Weltkriegs arg heruntergekühlt werden. Ein klein weniger emotionaler hätte der Stoff schon sein dürfen.

Die Ausgrabung

Großartiges Schauspiel

Großes Kino ist es trotzdem, vor allem in schauspielerischer Sicht. So bieten Ralph Fiennes und Carey Mulligan in ihrer nonverbalen Kommunikation absolute Höchstleistung. Hier ein Blick, dort eine fahrige Geste – und alles sitzt genau auf dem Punkt. Für Zuschauer, die sich an solchen Details erfreuen können, ist Die Ausgrabung schon deshalb ein Pflichttermin. Zudem ist auch Lily James sehr sehenswert, die eine junge und sehr unglückliche Frau spielt. Peggy steht eine Entscheidung bevor, von der sie weiß, dass sie treffen muss, die sie aber ihre gesellschaftliche Stellung und ihre Karriere kosten könnte. Und daran zerbricht sie fast.

Dennoch ist sie nicht die Hauptfigur der Handlung, kommt sogar erst ab der Hälfte des Films überhaupt vor. Ab diesem Zeitpunkt wird Die Ausgrabung auch schwächer, weil der Erzählfluss sich plötzlich auf viel mehr Figuren verteilt und jede einzelne dadurch weniger im Fokus steht. So bleiben manche Nebenhandlungen, wie etwa Browns Beziehung zu seiner Frau, auf der Strecke und kommen über zaghafte Andeutungen nicht hinaus. Das ist auch deshalb schade, weil sich der Zuschauer nach einer Kennenlernsphase längst an den linkischen Basil und die todkranke, aber doch so würdevolle Edith gewöhnt hat – und gern mehr von ihnen erfahren würde.

Die Ausgrabung

Die Ausgrabung bleibt jederzeit Autorenkino. Stone kümmert sich wenig um Unterhaltungswerte und erzählt langsam, fast zäh, den Sensationsfund der Archäologie ohne eine nennenswerte Spannungskurve oder Dynamik. Wenn Basil bei einem Sturzregen fieberhaft die Ausgrabung abzudecken versucht, darf das schon als Action-Highlight des Films gelten. Wer sich also von diesem Drama seichte, nette Unterhaltung erwartet, ist komplett falsch. Immerhin fängt Kameramann Mike Eley die unverfälschte raue Natur im Osten Englands mit seinen Kanälen und weiten Grasebenen sehr hübsch ein. Aufregender macht das die Story aber nicht.

Fazit:

Die Ausgrabung ist ein Leckerbissen für Freunde gehobener Schauspielkunst, die Ralph Fiennes und Carey Mulligan hier beeindruckend präsentieren. Sonderlich aufregend oder dynamisch wird der Film allerdings nie, bleibt ein Werk, in dem kleine Details wichtiger sind als die eigentliche Handlung. Die ist trotz der historischen Bedeutung eher nebenbei erzählt und dient nur als Leinwand für die Zeichnung der Charaktere. Wem Filme wie Was vom Tage übrig blieb gefallen und wer Downton Abbey schon fast zu aufregend findet, der kommt bei diesem Film auf seine Kosten. Wer eine spannende archäologische Schnitzeljagd erwartet, muss anderswo graben.

Die Ausgrabung läuft ab dem 29. Januar 2021 bei Netflix.

Die Ausgrabung

Wertung

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