„Die Erlösung der Fanny Lye“: Risse im Puritanismus

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Was lange währt, hat endlich Beachtung verdient: „Die Erlösung der Fanny Lye“ feierte seine Weltpremiere im Oktober 2019 und lief im Herbst 2020 in Deutschland auf dem Fantasy Filmfest. Jetzt, im Frühjahr 2021, wird dem britischen Film, der Spätwestern-Erzählweise, enorme Gewaltspitzen und Historiendrama vereint, endlich eine reguläre Auswertung in der Bundesrepublik gegönnt:

Der Verleih Alamode Film bringt den 112-Minüter mit Freddie Fox (Paul W.S. Andersons „Die drei Musketiere“), „Sex Education“-Starlet Tanya Reynolds, „Die Entdeckung der Unendlichkeit“-Nebendarstellerin Maxine Peake und „Game of Thrones“-Veteran Charles Dance auf DVD und Blu-ray heraus. Weshalb „Die Erlösung der Fanny Lye“ sehenswert ist, und weshalb wir fürchten, dass dieses Kleinod dennoch viele Filmfans enttäuschen könnte, verraten wir in unserer Kritik … 

Fanny Lye

Risse im Puritanismus

Wir schreiben das Jahr 1657: Der dritte englische Bürgerkrieg liegt nun schon einige Jahre zurück. Das kurze Aufbegehren der frühdemokratischen Bewegung der Levellers ist weitestgehend ein Ding der Vergangenheit. Jene, die weiterhin für eine demokratische, freie Gesellschaft, eine Öffnung der Religion und diee Gleichstellung der Stände und Gender vor dem Gesetz kämpfen, werden gemeinhin als gefährliche Verführer und verabscheuungswürdige Sünder betrachtet … 

Eines Tages schlagen der charismatische Thomas (Freddie Fox) und seine Begleiterin Rebecca (Tanya Reynolds) auf dem Bauernhof des früheren Soldaten John (Charles Dance) auf. Da John, sein Sohn Arthur (Zak Adams) und seine Gattin Fanny Lye (Maxine Peake) in puritanischer Strenge leben, sind sie höchst misstrauisch gegenüber den zwei Fremden, die unbekleidet angekommen sind. Sie erklären, dass sie überfallen wurden und dringend Hilfe und Unterschlupf benötigten. Während John grantig bleibt und die Fremden mit Argusaugen beobachtet, wird das Weltbild Fanny Lyes auf den Kopf gestellt: 

Thomas betrachtet Rebecca als ihm gleichgestellte Person, statt als seine Untergebene. Und Rebecca vertraut Fanny Lye an, dass sie gar nicht verheiratet sind, und dennoch miteinander schlafen. Fanny Lye ist erschüttert – aber auch fasziniert, weshalb sie zu den Fremden hält. John wiederum erahnt, dass mit ihnen etwas nicht stimmt – schließlich macht Thomas solchen ungeheuerlichen Blödsinn wie Arthur zum Spielen anzustiften ..!

Fanny Lye

Spürbare Genreeinflüsse

Es steht zu befürchten, dass „Die Erlösung der Fanny Lye“ es schwer haben wird, sein Publikum zu finden. Das britische Poster weckt mit seiner Bildkomposition und der orangefarbenen Tönung deutliche Western-Konnotationen. Das deutsche Heimkinocover wiederum gibt Horrorkino-Vibes ab – und die FSK-Freigabe ab 18 Jahren sowie die Präsenz des Films auf dem Fantasy Filmfest dürfte diese Assoziation nur untermauern. Doch wer John-Ford-Western-Stimmung oder knallharte, schaurige Unterhaltung erwartet, wird bei „Die Erlösung der Fanny Lye“ enttäuscht über eine ganz andere Tonalität stolpern.

Gewiss: Regisseur und Autor Thomas Clay übernimmt einige Lektionen aus dem Lehrbuch US-amerikanischer Spätwestern und des von Sergio Leone geprägten Italo-Westernkinos, also den Winkeln des Western-Genres, die sich mit drastischen Gewaltspitzen und immenser, erzählerischer Ruhe und Sorgfalt kritisch mit dem Erbe ihrer Vorgänger auseinandersetzen. Komplexe, listige Figuren, sich mit still anschwellender Spannung steigernde Konflikte und eine atmosphärische, spröde Bildsprache – das ist das filmische Erbe, an dem sich Clay bedient. 

Trotzdem lässt sich „Die Erlösung der Fanny Lye“ angesichts der Themen und des Settings nur schwerlich als Western vermarkten, und so prägnant und grafisch die Gewaltspitzen im Film sein mögen, so sind sie rare, bewusst drastische Markierungen der entstandenen Gefahr – nicht etwa das definierende Element des Films. In allererster Linie ist „Die Erlösung der Fanny Lye“ ein feministisches Stück Historienkino, das mit seinen hervorragenden Dialogen und einer soghaften, komplizierten Figurendynamik besticht.

Fanny Lye

Packende Wortgefechte

Thomas Clay lässt nahezu den gesamten Film auf einer kleinen Farm im matschigen, abgeschiedenen Shropshire abspielen. Er und Kameramann Giorgos Arvanitis („Die letzte Mätresse“) fangen diese spärlich eingerichtete Heimat der Titelfigur und ihres strengen Gatten in vernebelt-glanzlosen, kalten, doch aufgrund der Bildkomposition trotzdem sehr atmosphärischen Bildern ein – und verharren auf dem famos aufspielenden Cast, der sich in wortgewandten Dialogen misst.

Charles Dance gibt eine eindringliche Darbietung als Mann seiner Zeit, der eine ultrastrenge Erziehung verfolgt, seine Frau als Dienerin betrachtet und ein harsches, strafendes Bild von Gott hat. John ist eine kühle, grantige Präsenz, doch Dance findet nuancierte Wege, dieser antagonistischen Person Leben einzuhauchen: Er genießt sichtbar seine männlichen Privilegien, doch in religiösen Fragen schimmert in seinem Blick auch eine Verletzbarkeit auf, die Sorge, dass die zwei jungen Fremden (basierend auf allem, was ihm sein Leben lang gepredigt wurde) mit ihren radikalen, neuen Ideen wirklich mit dem Feuer spielen.

Tanya Reynolds wiederum begeistert als stille, doch mit großen, glänzenden Augen für die Lehren ihres Begleiters brennende Frau, die durch ihre sensible Art auch deutlich besser zu Fanny Lye durchdringt als der charmante, eloquente, aber auch ungeduldige und forsche Thomas. Dem verleiht Freddie Fox so viele charakterliche Widerhaken, dass zwangsweise Spannung aufkommt: Durch ihn wird Thomas zu einem listigen Propheten der Gleichberechtigung und religiösen Toleranz, der jedoch durch sein lüsternes Selbstbewusstsein und den diebischen Genuss, den er daran hat, Leute um den Finger zu wickeln, so wirkt, als ginge es ihm nicht allein um die Sache.

Fanny Lye

Tolle Leistung von Maxine Peake

Es ist jedoch konsequent Maxine Peake, die den restlichen Cast überschattet: Ihre Darbietung als treue, verschüchterte Hausfrau und Mutter, die unter der Fuchtel ihres Gatten steht und die Werte der Gesellschaft nicht hinterfragt, ist filigran, herzlich und mitreißend. Peake lässt Fanny Lye leise und intensiv mit den neuen Ideen ringen, die Thomas und Rebecca mitbringen – und es geht geradezu unter die Haut, wie diese Frau sich teils zu neuen Horizonten verführen lässt, teils intellektuell überzeugt wird, und sich auch ihre eigenen Gedanken macht. 

Das führt zwangsweise zu Konflikten mit ihrem Gatten, aber auch mit Thomas und Rebecca – und dann schwebt über dem Ganzen auch noch das Damoklesschwert der doppelzüngigen, erzkonservativen Rechtsprechung zu jener Zeit … Untermalt wird das Geschehen mit einer von Thomas Clay selbst geschriebenen Musik – weil durch die von Wetterschäden geplagten Produktion kein Geld für einen anderen Komponisten über war. Clay entschied sich für einen Score frei von Subtilität: Jede dramatische Wende wird mit trötenden Hörnern angekündigt und zuweilen artet die Klangfarbe ins Folkrockige aus.

Das mag anachronistisch sein, dass sich aber akustisch mit voller Wucht frischere und feschere Elemente in „Die Erlösung der Fanny Lye“ drängen, passt aber zum Film, in dem Fanny Lye durch Thomas' Worte in ein neues Zeitalter geleitet wird. Und da noch immer nicht sämtliche Probleme, die Fanny Lye durchleidet, aus der Welt geschafft wurden, kann eine klangliche Übertragung des Films ins Heute sowieso nicht schaden … 

Fazit

„Die Erlösung der Fanny Lye“ ist Historien-Spannungskino, das mit kühler Stimmung und langsam anschwellender Suspense vom quälend-schleichenden Prozess der Aufklärung handelt. 

„Die Erlösung der Fanny Lye“ ist ab dem 26. Februar 2021 auf DVD und Blu-ray erhältlich.

Alle Bilder © Alamode Film

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