Disney+ wird größer und erwachsener

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Die Eckdaten: Wann und wie viel? 

Disney+ wird in vielen Märkten, darunter in Deutschland, am 23. Februar 2021 deutlich umfangreicher. An diesem Tag wird eine neue Kategorie auf dem Streamingdienst eingeführt. Neben Disney, „Star Wars“, Marvel, Pixar und National Geographic erscheint im Hauptmenü von Disney+ dann eine sechste Kachel: Star. Dahinter verbergen sich daraufhin Filme und Serien, die sich an ein älteres Publikum richten. 

Disney Deutschland spricht davon, dass sich durch Einführung dieser Sparte, aus der besorgte Eltern ihren Nachwuchs mit Hilfe einer PIN-Funktion aussperren können, der aktuell verfügbare Katalog von Disney+ verdoppelt. Daher steigen auch die Kosten für Disney+, wenngleich nicht drastisch: Disney+ wird monatlich von einem Kostenpunkt von 6,99 Euro auf 8,99 Euro steigen. Das Jahresabo wird unterdessen von 69,99 auf 89,99 Euro angehoben. Gut zu wissen: Dies gilt anfangs nur für Neukundinnen und Neukunden.

Denn in Europa, Australien, Neuseeland und Kanada gelten trotz Implementierung von Star die aktuellen Preise bestehender Abos für einen verlängerten Zeitraum von sechs Monaten. Die Preisanhebung tritt in diesem Fall also erst nach Verstreichen dieses Zeitraums am 23. August 2021 in Kraft.

Armageddon

© Touchstone Pictures

Das sind die neuen Inhalte

Auf Star bei Disney+ werden sich Filme und Serien finden lassen, die Teil des Katalogs der Walt Disney Company sind, die jedoch entweder aufgrund ihrer FSK-Freigabe ab 16 oder ab 18 bislang als ungeeignet für Disney+ gegolten haben, oder die aus anderen Gründen als „nicht familienorientiert genug“ eingeschätzt wurden. Das betrifft unter anderem Filme, die zwar eine FSK ab 0, ab 6 oder ab 12 haben, jedoch aus US-amerikanischer Sicht (und somit in Augen des Mutterkonzerns) zu „räudig“ sind (etwa Filme wie der erste „Borat“, der bei uns ab 12 ist, in den USA jedoch eine härtere Altersfreigabe), oder aber sich schlicht nicht an ein junges Publikum richten. Als Beispiel lässt sich Wes Andersons Oscar-gekrönte Komödie „Grand Budapest Hotel“ nennen.

Auf langer Sicht kann Star aus den Katalogen der Filmtudios 20th Century Fox (nun umbenannt in 20th Century Studios), Fox Searchlight Pictures (nun umbenannt in Searchlight Pictures), Touchstone Pictures und Hollywood Pictures schöpfen, sowie aus dem Archiv der TV-Studios des früheren Fox-Imperiums und der ABC Studios (früher: Touchstone Television). Das bedeutet, dass auf Star unter anderem solche Filmreihen wie „Planet der Affen“, „Kingsman“, „Stirb langsam“, „Predator“ und „Alien“ zu finden sein werden, Action-Kracher wie „Con Air“, „The Rock“ und „Armageddon“, Dramen wie „Quiz Show“ und Martin Scorseses „Die Farbe des Geldes“, Oscar-Abräumer wie „The Favourite“, „Jojo Rabbit“ und „Three Billboards Outside Ebbing, Missouri“ und Serien wie „Atlanta“, „Bones – Die Knochenjägerin“, „Buffy – Im Bann der Dämonen“, „Firefly“, „American Horror Story“, „Family Guy“, „Akte X“ oder „Lost“.

Star auf Disney+

Die lieben Verträge ... 

Wie aber schon beim Launch von Disney+ gilt: Disney muss noch bestehende Lizenzverträge mit anderen Streamingdiensten einhalten – einige Filme und Serien, die zwar zum Disney-Konzern gehören, werden daher vorerst weiter bei Amazon Prime oder Netflix zu finden sein. In einem Pressestatement Disneys ist von rund 450 Titeln zum Launch von Star auf Disney+ die Rede, im Laufe des ersten Jahres soll dies auf 1.000 Stück ansteigen. Welche dazugehören, will man erst später bekannt machen. Außerdem wird anvisiert, in der Zeit von Februar 2021 bis Februar 2022 insgesamt 35 exklusive Serien für Star anzubieten.

Star

Wieso Star?

Die Marke Star mag in Deutschland nahezu unbekannt sein, und selbiges gilt für die Vereinigten Staaten von Amerika. Doch im asiatischen Raum ist das Label Star sehr bekannt. Ihren Anfang nimmt die Marke im Jahr 1991. Damals wurde in Indien Star TV gegründet, ein Joint Venture aus zwei Investmentfirmen, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, im großen Stil US-amerikanische Medieninhalte nach Indien und nach und nach auch in andere asiatische Länder zu importieren. Schon 1992 stieg Rupert Murdoch mit seinem Medienimperium bei Star ein – und da Disney 2017 große Teile von Murdochs Mediengiganten 21st Century Fox erwarb, gelangte so das Haus der Maus an Star.

Inklusive Sport-Sender betreibt Star über 65 lineare Sender, darüber hinaus ist der indische Streamingdienst Hotstar (später umbenannt in Disney+ Hotstar) in seiner Heimat größer als die VOD-Platzhirsche Netflix und Amazon Prime. Dass Disney das Label Star nutzt, um seine „reiferen“ Inhalte auf Disney+ zu markieren, ist aber nicht nur darauf zurückzuführen, dass Star global gesehen eine populäre Marke ist, sondern auch auf einen anderen Umstand: 

Fox

Der Tabuname

Disney will sich vom Namen „Fox“ distanzieren, der sich ja ebenfalls als Etikett für die „Erwachsenensektion“ auf Disney+ geeignet hätte. Denn dadurch, dass Murdochs übriggebliebenes Imperium den Namen weiterhin nutzt und darunter beispielsweise den kontroversen Narichtensender Fox News betreibt, besteht Raum für unerwünschte Verwechslungen seitens der Kundschaft: Welches Fox ist denn nun Disney und welches Fox ist Murdoch? 

Daher hat Disney bereits 20th Century Fox in 20th Century Studios umbenannt, und Fox Searchlight Pictures schlicht in Searchlight Pictures – um nur zwei Beispiele von vielen Neutaufen zu nennen. Die Erwachsenensparte auf Disney+ Fox zu taufen, fiel somit als Option raus – und auch andere erwachsenenorientierte Markennamen des Disney-Konzerns, wie etwa Touchstone Pictures, sind global (nunmehr) unbekannt.

Star auf Disney+

International unterschiedliches Vorgehen

Auch wenn die Walt Disney Company insofern eine international weitestgehend einheitliche Strategie fährt, als dass sie Star fast überall als ihre Streamingmarke für Erwachsene positioniert, so wird dennoch international unterschiedlich taktiert. Die USA sind beispielsweise eine große Ausnahme: Dort wird der Name Star gar nicht gepusht. Stattdessen führt Disney parallel zwei Streamingdienste: Disney+ und Hulu, ein Streamingdienst, der einst als gemeinsame Mediathek der TV-Sender NBC, FOX und ABC startete, sich dann nach und nach auch um ein größeres Serien- und Filmarchiv sowie Originaltitel bemühte und mittlerweile zu 68 Prozent Disney gehört. Die restlichen 32 Prozent liegen in den Händen des Kabelgiganten Comcast, dem unter anderem Universal Pictures gehört – und laut mehreren Insiderberichten will Comcast auf lange Sicht ebenfalls aus Hulu aussteigen.

Da Hulu in den USA bereits sehr gut etabliert ist und in einigen Altersschichten zu den populärsten Anlaufstellen für Medienkonsum gehört, wird sich Disney in absehbarer Zukunft hüten, den Dienst umzubenennen oder mit Disney+ zu verschmelzen. Auch in Lateinamerika bleiben Disney+ und die „Erwachseneninhalte“ vorerst getrennt: Die Walt Disney Company wird in vielen Ländern Südamerikas in den kommenden Monaten Star+ als zweiten Streamingdienst starten, quasi als Hulu unter anderem Namen. Als Grund wird eine Analyse der Marktdynamik genannt – oder anders gesagt: Offenbar sieht man dort beim Publikum weniger Akzeptanz für eine Vermischung „typischer“ Disney-Inhalte und der Star-Titel.

Disney+

Ausblick: Was bedeutet das auf lange Sicht?

Für Disney+ bedeutet die Einführung von Star, ganz offensichtlich, eine Vergrößerung des Portfolios: Disney gab in einer Pressemitteilung bekannt, inklusive Star in unmittelbarer Zukunft über 100 neue Disney+-Inhalte jährlich anbieten zu wollen.

Die Implementierung von Star innerhalb von Disney+ unterstreicht in Europa und Asien darüber hinaus, dass sich der Disney-Konzern wieder stärker dem Entertainmentsektor außerhalb des Familienbereichs und der nerdigen Welten von Marvel und „Star Wars“ verschreibt: Disney produzierte von 1984 bis in die frühen 2000er-Jahre hinein zahlreiche Filme für ein älteres Publikum. Allerdings wich das Unternehmen nach einer Reihe von kostspieligen Flops auf der einen Hand, und einer Erfolgssträhne an actionreicheren Disney-Realfilmen wie „Fluch der Karibik“ auf der anderen Hand, von dieser Tätigkeit zurück. 

Dass der Konzern nun gewillt ist, auf einem Streamingdienst, der den Disney-Namen trägt, in einer Unterkategorie Filme wie „Alien“ und Serien wie „American Horror Story“ anzubieten, zeugt von einer deutlichen Abkehr der „Disney braucht keine Erwachsenenunterhaltung“-Firmenjahre, und dürfte wohl jene beruhigen, die bei der Fox-Übernahme das Schlimmste befürchteten.

Werk ohne Autor

© Disney

Disney wird wieder regionaler ... 

Außerdem treibt Star die lokalen Disney-Dependancen wieder zu größerer Aktivität an: In manchen Märkten wurden schon konkret lokale Eigenproduktionen für Star angekündigt, und für Kontinentaleuropa wurde bereits die Ansage gemacht, bis 2024 auf 50 Star-Eigenproduktionen im Jahr kommen zu wollen. Für Deutschland wurden noch keine Projekte namentlich öffentlich gemacht, jedoch ist es gewiss nur eine Frage der Zeit, bis die ersten Ankündigungen kommen. 

Das öffnet theoretisch auch die Tür dafür, dass die lokalen Disney-Zweige wieder stärker als zuletzt fürs Kino produzieren (um so dann namhafte Projekte mit Exklusiv-Streamingrechten auf Disney+ zu haben). Das wäre eine Rückkehr zu anderen Schaffenszeiten: Disney Deutschland war einst mitverantwortlich für Filme wie Til Schweigers Romantikkomödie „barfuss“, das Ganovinnendrama „Bandits“ mit Katja Riemann, Jasmin Tabatabai, Nicolette Krebitz und Jutta Hoffmann, die Gruselkomödie „Sieben Monde“ mit Jan Josef Liefers und Christoph Waltz oder Florian Henckel von Donnersmarcks Oscar-Gewinner „Das Leben der Anderen“. In jüngerer Vergangenheit durchbrach nur sein jüngster Film „Werk ohne Autor“ die Stille an deutschen Filmprojekten der hiesigen Disney-Filiale.

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