Du hast das Leben vor dir: Drama mit Schauspiel-Legende

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Es gibt nicht mehr viele Stars, die Kinofans noch als Teil der goldenen Hollywood-Jahre kennen, sie gehört definitiv dazu. Die mittlerweile 86-jährige Sophia Loren ist sowohl in ihrer Heimat Italien als auch in der Traumfabrik ein Megastar, drehte mit Kollegen wie Cary Grant, Charlton Heston oder Anthony Quinn. Zudem galt sie in den 50ern als eine der schönsten Frauen überhaupt und wurde dementsprechend oft und gern als Objekt der Begierde besetzt. Nach fast zehnjähriger Pause meldet sich die Grand Dame des internationalen Kinos nun doch noch einmal zurück - in Du hast das Leben vor dir, den ihr Sohn Edoardo Ponti nach eigenem Drehbuch inszenierte. Wie gut ist er?

Du hast das Leben vor dir Momo

Die Handlung

Der 12-jährige Momo (Ibrahima Gueye) ist Waise und lebt als Pflegekind bei dem betagten Arzt Dr. Coen (Renato Carpentieri). Doch der betreibt noch immer eine Praxis und hat zu wenig Zeit für den Jungen. Als Momo eines Tages die alte Rosa (Sophia Loren) auf dem Markt bestiehlt, erwischt ihn Coen mit dem Diebesgut und stellt ihn zur Rede. Schließlich muss Momo ihn zu Rosa begleiten und sich entschuldigen. Rosa, einst als Prostituierte auf den Straßen unterwegs, kümmert sich jetzt im Alter um die Kinder anderer Sex-Arbeiterinnen und verdient sich so ein wenig dazu. Dr. Coen bittet sie, gegen Bezahlung einige Wochen auf Momo zu achten und ihn aufzunehmen. Eher zögerlich sagt Rosa zu.

Denn Momo ist so voller Wut über sein Schicksal, dass er nichts und niemanden an sich heranlässt. Stattdessen sucht er Arbeit bei Gangster Ruspa (Massimilliano Rossi) und steigt schnell in dessen Organisation zum Drogendealer auf. Rosa besorgt dem Jungen, der von der Schule geflogen ist, allerdings auch einen Job - beim alten Händler Hamil (Asghar Farhadi). Der ist wie Momo Muslim und begegnet dem Jungen mit Güte. Eines Tages entdeckt Momo, dass die alte Rosa ein Geheimnis hat und das seltsame Tattoo auf ihrem Arm kein Code für eine Geheimtür ist ...

Du hast das Leben vor dir Momo und Rosa

Viele Themen, dennoch nicht schwer

Ponti packt Drehbuch und Film voller Themen. So gibt es eine Szene im Film, in der Flüchtlinge von der Polizei zusammengetrieben, Kinder von ihren Eltern getrennt werden. Immer wieder deutet Ponti auch den Konflikt zwischen Muslimen und Juden an, die im Film aufeinandertreffen. Nachbarin Lola war früher einmal ein Mann. Und das Überleben des Holocausts ist für Rosa auch im hohen Alter noch ein Trauma, das sie nicht überwunden hat. Das klingt nach ganz schwerer Kost. Tatsächlich ist Du hast das Leben vor dir ein über weite Strecken schöner, fast leichter Film. Was daran liegt, dass Ponti all diese Themen lediglich für eine Milieuzeichnung nutzt, aber nicht zum wichtigen Teil der Handlung macht.

Denn im Kern ist der Film eine wunderbare Coming of Age-Geschichte, in der ein zurecht wütendes Kind zum Jugendlichen wird, der erste Einblicke in wichtige Lehren des Lebens erhält. Und das spielt Ibrahima Gueye, als hätte er nie etwas anderes getan. So kann er sogar neben der großen Sophia Loren bestehen, die von ihrem Können nichts verloren hat. Ihre Darstellung der vom Leben gebeugten, aber nie gebrochenen alten Frau, deren Zeit sich dem Ende neigt, dürfte niemanden kalt lassen, der sich gern dramatische Geschichten ansieht.

Du hast das Leben vor dir Rosa und Lola

Realismus statt Übertreibung

Daher lässt es sich nur als Glücksfall bezeichnen, dass Ponti für diese Rolle seine Mutter überzeugen konnte, aus dem Schauspiel-Ruhestand zurückzukehren. Als mögliches Vermächtnis der großen Diva ist Du hast das Leben vor dir eine sehr viel bessere Wahl als es Die Liga der außergewöhnlichen Gentleman für den unlängst verstorbenen Sean Connery war. Uneitel und ergreifend spielt sie eine Überlebende des Holocausts in Auschwitz und es ist diese tief sitzende, allumfassende Trauer, die Momo schließlich sein Leben mit anderen Augen sehen lässt. Dass dabei erfreulich viel nicht ausgesprochen wird, sondern stumm im Raum steht, macht den Film nur besser.

Ponti beweist außerdem ein gutes Gespür dafür, nicht zu überdramatisieren. Seine kleine und großen Schicksalsschläge bleiben glaubhaft. Und er verzichtet auf auf vermeintlich große Szenen zugunsten dieser Glaubwürdigkeit. Hier gibt es keinen großen Showdown, kein Finale, bei dem sich noch einmal alles hochschaukelt, was der Film vorher bereits erzählt hat. Ponti bleibt konsequent bei seiner kleinen intimen Freundschaftsgeschichte zwischen zwei Menschen, denen das Leben schon als Kind fast alles genommen hat.

Dennoch bekommen auch Nebenfiguren in den gut 90 Minuten Laufzeit ihre kleinen Momente, die sie von bloßen Stichwortgebern zu lebendigen Figuren machen. Der alte Teppichhändler, der transsexuelle Vater, das jüdische Pflegekind Rosas, sie alle tragen zu einer emotional packenden Story bei, die auch ihre heiteren Momente aufweist. Ein Film über das Leben, der voller Leben steckt.

Du hast das Leben vor dir Dr. Coen

Fazit:

Mit Du hast das Leben vor dir wandelt Netflix erneut auf den Spuren, die schon Meisterwerke wie Roma hervorbrachten. Es ist dem Streamingdienst hoch anzurechnen, dass auch solche Stoffe, die vermeintlich die junge Zielgruppe kaum erreichen, dort ihren Platz bekommen. Wer sich auf die Geschichte einlässt, bekommt ein großartige Sophia Loren zu sehen, die mit einem jungen, sehr begabten Partner ein wenig Kino-Magie entzündet. Eine Story aus dem Leben, mal traurig, mal wütend, mal voller Humor - und immer sehenswert. Wer mit ruhigen Filmen etwas anfangen kann, bei denen Schauspieler und Geschichte wichtiger sind als Action, sollte hier unbedingt vorbeischauen.

Du hast das Leben vor dir ist ab dem 13. November 2020 bei Netflix zu sehen.

Wertung

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