Faszination Trash TV - EIne Frage der Moral?

Szene aus der RTL-Show "Das Sommerhaus der Stars - Kampf der Promipaare"
Szene aus der RTL-Show "Das Sommerhaus der Stars - Kampf der Promipaare" © RTL
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Vor wenigen Wochen gab es in den sozialen Netzwerken kaum ein anderes Thema als die Staffelauftaktsepisode des RTL-Trash-Formats „Das Sommerhaus der Stars“. Du hast nichts davon mitbekommen? Dann hast du mit Reality-TV vermutlich nichts am Hut, das Internet für ein paar Tage gemieden und hältst von Boulevardblättern am besten Abstand. Denn wo normalerweise eher die Yellow Press oder drittklassige Promiseiten über die Geschehnisse in Promi-Sommerhäusern, im Dschungelcamp oder auf Nackedei-Inseln berichten, erreichte der „Sommerhaus-Skandal 2020“ weitaus höhere Kreise und trat einmal mehr eine Debatte darüber los, was im Fernsehen zeigbar ist – zu Unterhaltungszwecken wohlgemerkt! 

Was war geschehen? Nachdem sich gleich eine ganze Handvoll weniger oder noch viel weniger prominenter Sommerhaus-Bewohner über mehrere Stunden ordentlich hatte volllaufen lassen, war die ohnehin angespannte Situation eskaliert. Einer – früher mal RTL-„Bachelor“ – wurde bespuckt, ein anderer fast gewalttätig. Und wieder andere sahen der Situation mit mehr Alkohol als Blut im Körper zu, versuchten zu schlichten, ließen es dann aber doch lieber bleiben – man weiß ja nie, wozu die Herrschaften unter Schnapseinfluss so imstande sind. Die Folge: Noch am selben Abend mussten „der Spucker“ Kubilay Özdemir und seine On-Off-Freundin Georgina Fleur das Sommerhaus verlassen. „Der Bespuckte“ Andrej Mangold dagegen konnte sich fortan auf genau diesen Status berufen – und darauf, wie besonnen und erwachsen er doch in dieser Situation gehandelt habe. Nur um sich in den darauffolgenden Episoden auf andere Art und Weise ins Abseits zu schießen. Doch dazu später mehr.

Sommerhaus der Stars

Reality-TV: Alles braucht einen Anfang

Die Frage, was im Fernsehen zur besten Sendezeit zur Belustigung des Publikums gezeigt werden darf und was nicht, ist so alt wie das Privatfernsehen selbst. Den ersten Tabubruch im Genre beging vor nunmehr 20 Jahren der TV-Sender RTL ZWEI mit der Ausstrahlung der aller ersten Staffel von „Big Brother“. Das 1999 erstmals in den Niederlanden aufgeführte Showkonzept sprach von der totalen Überwachung: Ein paar ganz normale Menschen werden 24 Stunden rund um die Uhr von Kameras beobachtet. Keine Privatsphäre, jedes Wort, jede Handlung wird aufgezeichnet. Am Ende gewinnt der, der sich mit seinem „vor laufenden Kameras Leben“ die meisten Sympathien vom Publikum sichern konnte. Übrigens zur Erinnerung: In der ersten Staffel gelang dies dem Kandidaten John Milz, der sich nach einem anschließenden Stelldichein bei der RTL-Soap „Unter uns“ wieder komplett aus der Öffentlichkeit zurückzog.   

Zwischen diesen beiden Ereignissen – der fünften Staffel von „Das Sommerhaus der Stars“ und der ersten Staffel von „Big Brother“ – liegen satte zwanzig Jahre. Zwanzig Jahre, in denen sich die moralischen Grenzen des Zeigbaren immer weiter verschoben haben. Früher genügte die Vorstellung von der Kamera-Dauerüberwachung für einen Aufschrei der Sittenwächter. Heute dagegen muss erst ein völlig alkoholisierter Gewalttäter auf seinen Konkurrenten niederspucken, damit in den Medien einmal mehr die Debatte darüber hochkocht, „ob das denn noch Unterhaltung ist“.   

Temptation Island

Reality-TV: Die Sender und die liebe Quote

Die Frage, was Unterhaltung ist und was nicht, lässt sich je nach Standpunkt ganz unterschiedlich auslegen. Auf der einen Seite stehen die TV-Sender, die mit Formaten wie „Das Sommerhaus der Stars“, „Ich bin ein Star, holt mich hier raus“, „Love Island“, „Der Bachelor“, „Kampf der Reality Stars“ und „Promi Big Brother“ – um nur eine Auswahl aktueller Formate zu nennen – Staffel um Staffel hohe Quoten einfahren. Und wenn sich eine Sendung mal nicht im Hauptprogramm trägt, dann lagert man sie eben in die hauseigene Streamingplattform aus. „Temptation Island – Versuchung im Paradies“ wurde so zur ersten RTL-Eigenproduktion für TV Now. Die Sender wissen ganz genau darum, dass jede Publicity – und sei sie noch so negativ – Auswirkungen auf die Quoten hat. Nach der skandalumwitterten Auftaktfolge von „Das Sommerhaus der Stars“ konnten sich die Einschaltquoten von Folge zwei im Vergleich zur ersten sogar noch einmal steigern. So laut die von Medienwächtern angeschobene Debatte um Sittenverfall und die öffentliche Zur-Schau-Stellung von Alkoholismus und Gewalt auch ist, so sehr appellieren solche Diskussionen an die Neugier des Zuschauers. Je größer der Aufschrei, desto höher die Quote – für den Sender zahlt sich ein solcher Skandal in jedem Fall aus.  

Denn auf der anderen Seite stehen eben wir, die Zuschauer. Wenn wir hören, dass sich im Fernsehen jemand so sehr daneben benommen hat, dass es heute, im Jahr 2020, noch einen Aufschrei wert ist, dann ist natürlich in erster Linie Neugier ein Impuls, auch mal in jenes Programm reinzuschauen, über das gerade jeder spricht. Außerdem können wir mitreden, wenn sich auf der Arbeit gerade alle darüber unterhalten, wie asozial der Kubilay den Andrej bespuckt hat. Doch die „Faszination Trash-TV“ einzig und allein mit Neugier zu erklären, würde dem Phänomen nicht gerecht werden.   

Ich bin ein Star, holt mich hier raus!

Reality-TV: Vom Ausnutzen niederer Instinkte

Die wohl am weitesten verbreitete These über die Motivation, sich an den televisionären Peinlichkeiten semipopulärer Show-Nasen zu erfreuen, behandelt die innere Genugtuung, die es uns bereitet, Menschen dabei zuzusehen, wie es ihnen schlechter ergeht als uns selbst. Insbesondere solch hochstreitbare (Kuppel-)Formate wie „Schwiegertochter gesucht“ oder „Bauer sucht Frau“, in denen mit dem Fernsehgeschäft unerfahrene, im Extremfall gesundheitlich eingeschränkte Kandidaten zur Belustigung der Zuschauer auf ihre Spleens und Eigenheiten reduziert und anschließend mutwillig vorgeführt werden, stehen in der Kritik, die Zuschauerneigung zum Voyeurismus auf dem Rücken der ahnungslosen Kandidaten auszutragen. An dieser Stelle ist die Frage danach, „ob das noch Unterhaltung ist“ genauso angebracht wie jene, ob es moralisch vertretbar ist, sich solche Shows überhaupt anzusehen. Die Bewohner von Dschungelcamp, Sommerhaus und Co. dagegen sind in der Regel bereits mit dem Showbusiness vertraut und nutzen derartige Formate gern, „um mal zu zeigen, wie man wirklich ist“. Da wird man dann ja wohl zugucken dürfen, oder?  

Um die Frage nach dem „Dürfen“ soll es an dieser Stelle gar nicht gehen. Sobald sich ein TV-Sender dazu entschließt, ein Format zu zeigen, erfüllt es in der Regel sämtliche notwendigen Auflagen an ein frei empfangbares Unterhaltungsprogramm. Wesentlich schwieriger wiegt da die Sache mit der Moral. Kann ich daran Spaß empfinden, Menschen dabei zuzusehen, wie diese für Geld (und Aufmerksamkeit!) so ziemlich alles tun? Ekelessen herunterwürgen wie in „Ich bin ein Star, holt mich hier raus!“ zum Beispiel. Vor aller Augen und gegen dutzendweise Konkurrenz um einen heiratswilligen Junggesellen buhlen wie in „Der Bachelor“. Oder nackt auf Partnersuche gehen wie in „Adam sucht Eva“. Alles eine Frage der eigenen Geschmacks- und Schmerzgrenze – und aber auch der Inszenierung. Und die haben die Reality-TV-Produktionsfirmen in den vergangenen Jahren perfektioniert. 

Die Bachelorette

Reality-TV: Große Dramen vor tollen Kulissen

TV-Shows wie „Ich bin ein Star, holt mich hier raus“ und „Der Bachelor“ sind seit jeher für ihren hohen Produktionsaufwand bekannt. RTL karrt seine Prominenten einmal im Jahr in den australischen Dschungel und datingaffine Singles nach Afrika oder Mexiko. Die überlieferten Bilder wecken Urlaubsgefühle und verhelfen der simplen Prämisse zu einem exotischen Anstrich. Und im normalerweise in einer Luxusvilla nahe Lissabon aufgezeichneten „Sommerhaus der Stars“ entsteht der Reiz aus dem Clash des geballten Möchtegern-Promitums mit den vorherrschenden Drehbedingungen. Dass in diesem Jahr Corona-bedingt in Bocholt-Barlo gedreht werden musste, nimmt dem Format einen Großteil seiner Faszination.

Für die waren dafür diesmal umso mehr die Kandidaten selbst zuständig. In Kooperation mit der vom Sender vorgegebenen Formatsstruktur, die sich klar auf die zwischenmenschlichen Hierarchien und Entwicklungen unter den Bewohnern konzentriert, und vor allem den ungeschriebenen Gesetzen einer jeden Reality-Show. Zu diesen gehört nämlich unter anderem die eigenverantwortliche Selbstdemaskierung aller Beteiligten, was uns auf den Kandidaten Andrej Mangold zurückführt. Wurde dieser zu Beginn der Show noch als „der Bespuckte“ und damit als eine Art Opfer positioniert, verselbstständigte sich sein Selbstverständnis vom Moralapostel mit der Zeit. Zunächst wies er nur ein bisschen zu penetrant darauf hin, wie reif und erwachsen er die Situation mit Kubilay ja geregelt habe. Doch mit jedem Tag rückten sich er und seine Freundin Jennifer Lange kontinuierlich weiter in den Bereich der Intriganten und Mobber. Das ging so weit, dass heute nicht etwa Kubi und Georgina von wegbrechenden Werbekunden und Kooperationspartnern zu berichten haben, sondern Andrej und Jenni damit die Schlagzeilen füllen. Zugegebenermaßen sind das zwar nur wieder die Schlagzeilen drittklassiger Promiportale, aber für die beiden ist das sicher besser als nichts.

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