Ein Kampf um Liebe und Freiheit: Hexenjagd

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Hexenjagd © EuroVideo Medien GmbH
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Wer mit dem deutschen Genrekino - dazu zählt alles Abseitige, etwa Horror, Science-Fiction, Fantasy oder Action - ein klein wenig vertraut ist, der dürfte in der Vergangenheit das ein oder andere Mal über die Mavie Films GmbH gestolpert sein. Die unabhängige Filmproduktionsfirma wurde 2017 von den den Filmemacher:innen Erkan Acar und Aysel Yilmaz gegründet. Beide sind seit Jahren als Produzent:innen, als Schauspieler, als Drehbuchautor und Regisseur tätig. Auf das Konto der Mavie Films gehen nunmehr vier fest im Genre verankerte Projekte: Angefangen 2017 mit der abgedrehten Meta-Actionkomödie "Schneeflöckchen" über die Gaga-Gangstercomedy "Ronny & Klaid" (2019) sowie die äußerst charmante Provinzposse "Faking Bullshit" (2020) ist das Team aus visionären Filmschaffenden rund um Erkan Acar, Eric Sonnenburg und Holger Fuchs im Jahr 2021 beim archaischen Historienfilm angekommen - und reißt damit ein Genre an, an das sich seit Philipp Stölzl mit "Der Medicus" (2013) kein/e Deutsche/r mehr herangewagt hat. Und die schon in "Schneeflöckchen" omnipräsente Inspiration von den Werken eines Quentin Tarantino findet sich in "Hexenjagd" obendrein.

Hexenjagd

Die Handlung

Es ist das 18 Jahrhundert. Die Welt ist im Wandel, doch die Menschen leben noch immer in Armut, Hunger und Aberglauben. Das bekommt vor allem die gleichermaßen kluge wie schöne Catharina (Xenia Assenza) zu spüren. Als diese eines Tages die Avancen des adeligen Ferdinand (Franz Dinda) abwehrt, wird sie beschuldigt, eine Hexe zu sein, und zum Tod auf dem Scheiterhaufen verurteilt.. Der Kriegsgefangene Osmane Tahir (Erkan Acar), der vom örtlichen Priester Johann (Alexander Schubert, unten rechts) einer Zwangstaufe unterzogen wurde und der Kirche dient, fasst jedoch den Entschluss Catharina zu retten und mit ihr in seine Heimat zu fliehen.Doch nicht nur der machthungrige Fürst Wilhelm (Gedeon Burkhard, unten links) ist den beiden auf den Fersen...

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Hexenjagd, oder: The Witch and the Ottoman

Ursprünglich sollte "Hexenjagd" Anfang des vergangenen Jahres einen Start in den deutschen Lichtspielhäusern erhalten. Damals noch unter dem Originaltitel "The Witch and the Ottoman", übersetzt: "Die Hexe und der Osmane". Doch dann kam alles anders und wie viele weitere nationale und internationale Filmproduktionen fiel auch "Hexenjagd" der Corona-Pandemie zum Opfer. Der Giftschrank bleibt dem Historiendrama allerdings verwehrt. Stattdessen gibt's den schlanken Neunzigminüter ab dem 5. Januar 2021 als Download bei gängigen VOD-Anbietern wie Amazon Prime und iTunes sowie ab dem 14. Januar 2021 als DVD. Dass eine Blu-ray-Auswertung (vorerst) ausbleibt respektive vermutlich ausbleiben muss, dürfte der nischigen Zielgruppe geschuldet sein. Trotzdem ist es auch ein Stückweit ein Jammer. Denn wenn "Hexenjagd" eines beweist, dann, mit welch limitierten, geldlichen Mitteln es trotzdem möglich ist, herausragende Bildgewalten für die große Leinwand (oder nun eben den heimischen Bildschirm) zu kreieren.

Für "Hexenjagd" zeichnet der bislang eher unbekannte Nachwuchsfilmer Sebastian Mattukat verantwortlich. Nach sieben Kurzfilmen als Regisseur (für sechs davon schrieb er mindestens am Drehbuch mit) und der u.a. mit Charles Rettinghaus und GZSZ-Star Maike von Bremen besetzten Tragikomödie "Erwartungen" (2016) verschlägt es den gebürtigen Berliner mit seinem zweiten Langfilmprojekt ins 18. Jahrhundert. 

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Hexenjagd: Herausragende Bildgewalten und eine spannende Geschichte

Kameramann Julian Landweer ("Faking Bullshit") kreiert ein stimmungsvolles Bild des archaischen Mittelalters, hervorgehoben von jeder Menge Zeitlupenaufnahmen. Diese zelebrieren diesen Kosmos aus Gewalt, Hass, Aufbegehren und Liebe auf mitunter schwelgerische Weise, wenngleich sich das Stilmittel bisweilen erschöpft. Hier wäre weniger mehr gewesen, auch wenn wir zugeben müssen: Visuell ist "Hexenjagd" einfach verdammt großes Kino, da nimmt man auch die ein oder andere Slow Motion zu viel gern in Kauf, wenn die Bilder so gut aussehen wie hier.

Trotz seiner Altersfreigabe ab 16 Jahren wird es bis auf einzelne Gewaltspitzen selten explizit brutal ("Hexenjagd" ist kein Horror-, sondern ein Historienfilm mit Fantasyanleihen). Gleichwohl zeichnen die Macher:innen die Dekade als hartes Pflaster. Schon die Thematik selbst ist von Nihilismus und Bigotterie geprägt - in dieser Welt muss man sich, insbesondere als mit dem Genre weniger vertraute/r Zuschauer:in, erst einmal zurechtfinden. Ist dies geschehen, eröffnet sich einem eine Geschichte, die von zwei zentralen Elementen getragen wird: Da ist auf der einen Seite der (unbegründete?) Hass einer Gesellschaft auf ein Mitglied ihrer Mitte - und die Gründe dafür sind ebenso fest in der damaligen Realität verwurzelt als auch aus heutiger Sicht vollkommen irrational. Auf der anderen Seite ist "Hexenjagd" aber auch ein Film über die Liebe. Die Beziehung zwischen Tahir und Catharina gerät dank der starken Leistungen von Erkan Acar und Xenia Assenza ("Das finstere Tal") emotional mitreißend. Der aufopferungsvolle Kampf um ihre Freiheit (um Gerechtigkeit geht es in dieser von einem scheinheiligen Rechts- und Unrechtsbewusstsein durchzogenen Gesellschaft nur zweitranging) fühlt sich selbst im Anbetracht manch eines gestellt wirkenden Dialogs jededrzeit echt an, sodass es sich auch ganz ohne typische Abenteuer- oder gar Actionfilmmentalität mit den beiden Hauptfiguren mitfiebern lässt. 

Hexenjagd und ein Ende, das spaltet

Die eingangs erwähnte Inspiration durch Regisseurikone Quentin Tarantino ("Inglourious Basterds", "Kill Bill") bezieht sich insbesondere auf seine Skills als Rachefilminszenator sowie auf sein Können, geschichtsträchtige Ereignisse mit Genrefilmmechanismen auszuhebeln. In "Inglourious Basterds" bließ er zur Rache an Adolf Hitler, in "Once upon a Time in Hollywood" übte er fiktionale Vergeltung an Charles Manson und seinen Jünger:innen. Inwiefern sich diese Themen respektive ein derartiger Umgang mit realer Geschichte auch in "Hexenjagd" widerfindet und vor allem was Sebastian Mattukat und seine Autorenkollegen Alexander Schubert ("Heute Show") und Erkan Acar daraus machen, wollen wir an dieser Stelle aus Spoilergründen nicht verraten. Nur so viel: Das Ende und der diesem vorrausgehende Twist werden das Publikum spalten. Doch dadurch wird "Hexenjagd" erst recht im Gedächtnis bleiben. 

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Fazit

"Hexenjagd" ist großes Historienkino mit dem gewissen "Etwas". Und es ist ein Jammer, dass der Flm nicht in die Lichtspielhäuser, sondern "nur" nach Hause kommt. Doch vielleicht motiviert der Film andere Filmemacher, sich weiterhin mutig an frische Filmideen zu wagen, sodass wir schon bald mehr Projekte dieser Art sehen können.

"Hexenjagd" ist ab dem 5. Januar als VOD sowie ab dem 14. Januar als DVD erhältlich.

Wertung

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