Lovecraft Country: Die beste Serie des Jahres?

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Zwar ist Horror wie kaum ein anderes Genre immer Geschmackssache, doch vor allem Kritiker können sich oft auf die Formel verständigen, dass guter Horror immer auch Drama ist - und immer dann besonders furchteinflößend daherkommt, wenn er in realen Geschehnissen verankert ist. Denn das rückt das Grauen aus dem Reich der Phantasie bedeutend näher ans eigene Leben heran - und macht im Optimalfall deshalb auch deutlich mehr Angst. Der Roman Lovecraft Country des US-Autors Matt Ruff mischt den übernatürlichen Horror des großen H.P. Lovecraft mit dem Alltags-Horror der schwarzen Bevölkerung in den 50er Jahren. Was macht die Serie aus dieser Vorgabe?

Lovecraft Country

Die Handlung

Als Atticus Freeman (Jonathan Majors) aus dem Korea-Krieg nach Hause kommt, hat sein Vater Montrose, zu dem er ein schwieriges Verhältnis hat, ihm einen seltsamen Brief hinterlassen. Darin redet er von einem Familienerbe in Neu-England, genauer gesagt in Ardham, Massachusetts. Gemeinsam mit seinem Onkel George (Courteny B. Vance), der einen Reiseführer für Schwarze geschrieben hat (auf den sich der Film Greenbook bezieht), und seiner Jugendfreundin Leti (Jurnee Smollett), die ihm immer noch viel bedeutet, macht sich Atticus auf die Reise zu seinem Vater - und dem angeblichen Familienbesitz, mitten in einer der weißesten Gegenden der USA.

Bereits auf dem Weg werden die drei immer wieder Opfer von offenem Rassismus und müssen mehrfach um ihr Leben bangen. Aber sie begegnen auch ganz anderen Monstern, die nicht nur weit mehr Augen und Zähne als jedes andere Lebewesen besitzen, sondern auch auf geheimnisvolle Weise mit der Familie Braithwaite zu tun zu haben scheinen, mit denen die Freemans angeblich verwandt sind. Dich kaum sind Atticus, Leti und George auf dem Familiensitz der Braithwaites angekommen, wird auch schon klar, dass die Gastgeber mit ihren Besuchern andere Pläne haben als ihnen einen Teil des Vermögens zu überlassen ...

Lovecraft Country

Der Lovecraft-Bezug

Der Titel der Serie ist gleich in mehrfacher Hinsicht Programm. Ein geheimer Orden, der dunkle Rituale praktiziert, um mehr Macht zu erlangen. Blutgierige Monster, die in der Erde auf ihre Opfer lauern. Schwarze Magie und Flüche aus alter Zeit, denen der moderne Mensch fast hilflos gegenübersteht. Zwar nimmt die Serie nicht konkret auf eine Geschichte Lovecrafts Bezug, aber das gesamte Setting könnte aus einer der Storys stammen - die Essenz der Werke ist hier deutlich sichtbar. Allerdings gibt es noch einen weiteren Zusammenhang zwischen der Handlung der Serie und dem Schriftsteller, der allerdings nicht jedem bekannt ist. Lovecraft war, wie viele seiner Zeitgenossen, besonders gegenüber Schwarzen extrem rassistisch eingestellt.

Und dieser alltägliche Rassismus, der in den 50er Jahren in den USA noch immer völlig normal war, nimmt in Lovecraft Country deutlich breiteren Raum ein als die mythischen Monster des Autors. Als gleich zu Beginn der Serie der Bus liegenbleibt, in dem Atticus sitzt, kommt ein Pick-Up aus der nahen Siedlung und holt die Weißen ab - Atticus und eine ältere schwarze Frau müssen mit ihrem Gepäck laufen. Bereits in den ersten beiden Folgen nimmt dann die tägliche Bedrohung Schwarzer durch Weiße derart üble Ausmaße an, dass man als Zuschauer mitunter seinen Augen nicht traut. Grundlose Beschimpfung und Prügel sind für viele Schwarze so normal wie atmen.

Lovecraft Country

Eine Serie, die wütend macht

Der Roman erzählt seine Geschichte in Form von acht Kurzgeschichten, die erst am Ende miteinander verbunden werden. Showrunnerin und Autorin Misha Green macht daraus eine zehnteilige Serie, deren einzelne Folgen zwar manchmal ganz eigene Storys erzählen, mit der Hauptgeschichte aber dennoch jederzeit verbunden sind. Die Variationen beider Horror-Themen bleiben dabei erhalten. So begegnet der Zuschauer nach den fleischfressenden Monstern der Startfolgen auch Geistern, Mumien und Dämonen. Und es finden sich immer wieder Anspielungen auf Orte und Ereignisse aus dem Werk Lovecrafts. So ist Ardham beispielsweise eine Anspielung auf Arkham, wo viele Lovecraft-Stories spielen.

Aber auch der systematische Rassismus der USA wird in all seinen Facetten gezeigt und gipfelt im Tulsa Massaker von 1921, bei dem das schwarze Viertel der Stadt weitgehend niedergebrannt wurde und um die 300 Menschen ihr Leben verloren. Doch auch andere Momente bleiben im Gedächtnis, etwa das permanente Autohupen in einer Straße, in der Leti ein Haus mietet, und von den weißen Nachbarn nicht geduldet wird. Diese Momente dürften für viele Zuschauer schwerer zu ertragen sein als die mitunter explizite Gewalt der Serie. Die allumfassende und von den Gesetzeshütern selbst praktizierte oder zumindest geduldete Schikanierung der Schwarzen sorgt für den Klos im Hals bei Lovecraft Country.

Die Serie ist aber auch deshalb so intensiv, weil sie handwerklich und schauspielerisch herausragend ist. Ob gleich in der ersten Folge ein Straßenkonzert von Letis Schwester Ruby oder der spätere Überlebenskampf in Tulsa, all das ist derart fesselnd und hochwertig produziert, dass die Sogwirkung der Serie gewaltig ist. Die Schauspieler, die allesamt überzeugen, tragen ihren Teil zu diesem Sog bei. Vor allem die tragische Figur des Montrose (Michael K. Williams), in der so unterschiedliche Ströme seiner Zeit zusammenlaufen und zu Selbsthass und Grausamkeit gegen andere führen, ist großartig geschrieben - und gespielt.

Lovecraft Country

Fazit:

Ob Lovecraft Country die beste Serie des jahres ist, das dürfte Geschmackssache bleiben, für viele sind manche Bilder wohl zu grausam. Die beste Horror-Serie des Jahres ist sie aber in jedem Fall. Lange gab es nicht mehr so ein virtuoses Zusammenspiel zwischen fiktivem und realem Horror, zwischen historischen Ereignissen und der Phantasie der Autoren. Dazu liefert die Serie immer wieder Twists, die selbst der erfahrenste Fan kaum kommen sieht. Die durchgehend starke Inszenierung und die tollen Schauspieler runden das Gesamterlebnis ab. Nicht immer steht eine HBO-Serie auch für Qualität - in diesem Fall schon. Wer Horror mag, kommt an Lovecraft Country nicht vorbei.

Lovecraft Country ist momentan bei Sky zu sehen.

Wertung

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