Malcolm and Marie: Wie gut ist der Oscar-Favorit bei Netflix?

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Regisseur, Autor und Produzent Sam Levinson ist so etwas wie der Mann der Stunde. Schon sein 2018 gedrehter Assassination Nation war zwar kein Megahit, zeigte aber, wie scharfzüngig und hart Levinson schreiben und inszenieren konnte. Seinen großen Durchbruch hatte er dann mit der HBO-Serie Euphoria, bei der er bereits mit Zendaya arbeitete – und die etliche Preise gewann. Als Covid-19-Projekt drehte er nun mit ihr und Denzel Washingtons Sohn John David Washington das Kammerspiel Malcolm und Marie. Kann Levinson auch mit diesem Film überzeugen?

Die Handlung

Malcolm (John David Washington, Tenet) hat gerade den besten Abend seines Lebens hinter sich: Sein erster Film als Regisseur, zu dem er auch das Drehbuch verfasst hat, konnte einen wichtigen Preis gewinnen. In seiner Euphorie bemerkt er kaum, dass seine Freundin Maria (Zendaya) eher missmutig am Herd stehe, um ihm Maccaroni mit Käse zu machen. Erst langsam fällt ihm auf, dass Marie wirklich wütend auf ihn ist. In seiner Dankesrede hat er sie vergessen und obwohl er sich mehrfach entschuldigt hat, trägt sie ihm das nach. Und sie erzählt ihm von Reaktionen anderer Leute ihr gegenüber, von denen er gar nichts mitbekommen hat.

Bald wird klar, dass die Beziehung der beiden von tiefen Rissen durchzogen ist. Marie hat eine Drogenvergangenheit, die für Malcolms Film als Inspiration diente. Sie findet, dass ihre Rolle als seine Muse von ihm nicht angemessen gewürdigt wird. Er hingegen ist davon genervt, dass sie dem Leben gegenüber so negativ eingestellt ist und sich selbst nicht akzeptieren kann, wie sie ist. Und so wird aus der eigentlichen großen Nacht von Malcolm eine Zeit erbitterter Streits. Dabei fallen Worte, die die Beziehung auf des Messer Schneide bringen ...

Malcolm and Marie

Beleidigte Kritiker?

Es geht das Gerücht um, amerikanische Filmkritiker hätten Malcolm and Marie mies bewertet, weil Malcolm in einer Szene minutenlang über ihren Berufsstand herzieht. Das ist allerdings genauso wenig zu beweisen wie das Gegenteil. Ob sich tatsächlich Kritiker haben dazu hinreißen lassen, schlechter zu werten, weil im Film einige unschöne, wenn auch sehr subjektive Dinge gesagt werden, bleibt also ungeklärt. Fakt ist, dass Levinsons Film absolut dazu einlädt, ihn auf unterschiedliche Art und Weise zu sehen. Und auch das Geschlecht und die Einstellungen des Zuschauers hier eine nicht unwesentliche Rolle spielen dürften. Das macht Malcolm and Marie auch besonders spannend.

Ist Marie tatsächlich Malcolms universelle Muse, ohne die er es nie geschafft hätte, den Film zu drehen und Erfolg zu haben? Oder nimmt sich die egozentrische und Misstrauen und Ablehnung erfüllte junge Frau viel zu wichtig? Diese Kernfrage hätte bei einem weniger emotionalen und stark gemachten Film möglicherweise über seine Laufzeit von gut 100 Minuten gelangweilt, bei Levinsons Drehbuch und Inszenierung bleibt dem Publikum aber kaum eine Wahl, als sich im Verlauf des Films auf eine Seite zu schlagen. Aber auch, die Seite noch zu wechseln. Denn der Regisseur schiebt den schwarzen Peter immer wieder zwischen den beiden hin und her.

Malcolm and Marie

Intensives Schauspiel

Levinson hat aber nicht nur ein gutes Drehbuch und eine starke Regie zu bieten, sondern auch zwei grandiose Schauspieler. Wenn die Kamera fast in die Figuren hineinkriecht, um jedes Zucken eines Auges oder Mundwinkels als emotionale Reaktion auf den Streit einzufangen, dann braucht es auch Schauspieler, die damit umgehen können. Und was Zendaya und John David Washington hier zeigen, ist großes Kino. Sie brilliert als brodelnder Vulkan, der zwar kühl wirkt, aber innerlich kurz vor der Eruption steht. Er überzeugt als leidenschaftlicher, aber auch unaufmerksamer Künstler, der selbst im Zentrum seines Universums schwebt und andere nur schwer teilhaben lässt.

Das ist nicht nur auf dem Papier eine explosive Mischung und stellenweise erreicht Levinson eine Intensität, die an Wer hat Angst vor Virginia Woolf? mit Elizabeth Taylor und Richard Burton heranreicht. Aufgestaute Wut und Enttäuschung brechen sich auf beiden Seiten Bahn und teilen aus – ohne Rücksicht auf Verluste. Dennoch gelingt es Levinson, auch immer wieder die Momente einzufangen, in denen das Paar sich innig liebt und fast daran verzweifelt, wie sehr sich Malcolm und Marie gegenseitig verletzen. Die einzigen kleinen Schwächen des Films zeigen sich im Drehbuch, das Levinson nach eigenen Angaben in sechs Tagen schrieb. Das war vielleicht zu wenig Zeit.

Malcolm and Marie

Denn der Streit zwischen den beiden, der wechselseitig nach kurzer Pause immer wieder aufgenommen wird, wirkt nicht immer glaubhaft und homogen. Einige der Attacken kommen förmlich aus dem Nichts und passen nicht zu den Szenen davor. Hier wären etwas elegantere Übergänge schöner gewesen, für die Levinson sich mehr Zeit hätte lassen sollen. Das ist aber Jammern auf hohem Niveau. Denn was Zendaya und John David Washington hier anbieten, geht unter die Haut. Und zeigt auf, dass großes Kino auch auf engem Raum erzählt werden kann. Allerdings braucht der Film auch ein Publikum, dass so einen dialoglastigen Film zu schätzen weiß.

Fazit:

In Malcolm and Marie beweist Zendaya einmal mehr, dass sie zu den spannendsten Schauspielerinnen ihrer Generation gehört. Und John David Washington zeigt, dass Tenet keine Eintagsfliege war und man vom Sohn Denzel Washingtons noch viel hören wird. Regisseur und Autor Sam Levinson gelingt ein emotionales Kammerspiel, in dem die Sympathien sich immer wieder verschieben und das sich mit Ratschlägen und Schlussfolgerungen wohltuend zurückhält und stattdessen sehr fein beobachtet. Lediglich das Drehbuch hätte noch ein wenig Feinschliff gebrauchen können. Als Unterhaltungsfilm sollte man sich Malcolm and Marie aber besser nicht aussuchen, dazu verlangt er zu viel Aufmerksamkeit.

Malcolm and Marie startet am 5. Februar 2021 bei Netflix.

Malcolm and Marie

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