Neues aus der Welt: Neo-Western mit Tom Hanks statt im Kino jetzt bei Netflix

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Mit dem preisgekrönten Drama Systemsprenger katapultierte sich die junge Schauspielerin Helena Zengel sofort in den Fokus der internationalen Filmwelt. Mit Folgen: Regisseur Paul Greengrass besetzte sie neben Tom Hanks, mit dem er bereits Captain Phillips drehte, für seinen Neo-Western Neues aus der Welt. Der basiert auf dem gleichnamigen Roman von Paulette Jiles, um dessen Filmrechte mehrere Studios kämpften. Fox bekam den Zuschlag, der neue Besitzer Disney gab die Rechte aber an Universal weiter. Und nun ist der Film wegen der Corona-Pandemie bei Netflix gelandet. Hat Universal damit eine Gurke mit Gewinn entsorgt? Oder hat Neues aus der Welt Kinoformat?

Neues aus der Welt

Die Handlung

Captain Jefferson Kyle Kidd (Tom Hanks) hat den Bürgerkrieg überlebt, aber keinen Grund mehr, nach Hause zurückzukehren. Und so ist er im Jahr 1870 in ganz Texas als Nachrichtenleser tätig. Er reist von Ort zu Ort und trägt der Bevölkerung für sie wichtige oder interessante Neuigkeiten aus überregionalen Zeitungen und Magazinen vor. Eines Tages stößt er auf einen umgestürzten Pferdewagen und kurze Zeit später auf die Leiche des schwarzen Fahrers, der offenkundig das Opfer eines weißen Lynchmobs wurde. Und Kidd entdeckt ein junges Mädchen (Helena Zengel), das zwar hellblonde haare hat, sich aber für eine Kiowa-Indianerin hält. Ein Begleitschreiben weist sie als Johanna aus, Tochter deutscher Siedler, die von Kiowas getötet worden waren. Die Armee hatte sie bei einem Angriff auf den Stamm gefunden und mitgenommen.

Kidd will die Kleine eigentlich nur bei nächster Gelegenheit beim Militär abgeben, das in der Gegend als Gesetz fungiert, doch die Blauröcke haben kein Interesse an dem Kind. Und so nimmt es Kidd auf sich, Johanna zu Verwandten zu bringen, die mehr als 400 Meilen entfernt leben. Auf der Reise gerät das ungleiche Paar nicht nur mehrfach in Lebensgefahr, sondern lernt sich gegenseitig auch langsam besser kennen. Und Kidd muss erkennen, dass es keinesfalls so einfach ist, wie er dachte, den richtigen Platz für Johanna zu finden. Denn die hat trotz ihres jungen Alters schon zwei völlig unterschiedliche Leben gelebt ...

Neues aus der Welt

Schauspielkunst statt Action

Wer Paul Greengrass' bisherige Filme kennt, vor allem die actionreichen, rasant geschnittenen Jason Bourne-Teile, der dürfte seinen Augen kaum trauen. Neues aus der Welt ist komplett entschleunigtes Erzählkino, das seinen Protagonisten viel Raum für ihre Entwicklung lässt und sich nur selten auf Spannung oder dynamische Momente verlässt. Dafür setzt der Film andere Schwerpunkte: die Annäherung zweier verwundeter Seelen, die sich nach anfänglicher Scheu immer mehr annähern und zu einem Team zusammenwachsen. Und weil Greengrass über zwei derart gute Schauspieler verfügt, reicht dieser Inhalt völlig aus, um einen starken und absolut sehenswerten Film abzuliefern.

Tom Hanks ist in seinem zurückhaltenden, nuancierten Spiel gewohnt gut, sein Captain Kidd trägt die Narben des Krieges tief in sich und kann seine Abscheu vor Tod und Gewalt mitunter kaum verbergen. Dazu braucht Hanks nur wenig Text, die stärksten Szenen des Films laufen komplett ohne Dialog ab. Das ist allerdings nicht nur Hanks' Verdienst. Die bei den Dreharbeiten 11-jährige Helena Zengel kann mit dem zweifachen Oscar-Preisträger jederzeit mithalten und spielt das zutiefst verstörte Mädchen, das bereits zwei Mal zur Waise wurde, mit der gleichen Wucht und Intensität, mit der sie bereits in Systemsprenger Publikum und Kritiker zu Tränen rührte.

Neues aus der Welt

Mehr als nur Zorn

Hier wie dort verkörpert Zengel eine Figur, die einen Platz im Leben sucht. Im Gegensatz zur Rolle der Benni, die verloren in den Mühlen des Systems hängt, spielt Zengel aber diesmal einen Charakter, der eine Entwicklung durchmacht. Zwar erinnert Johanna gerade zu Beginn mit ihrem Schreien und Kämpfen sehr an Systemsprenger, doch das ändert sich im Lauf des Films deutlich. Denn dieses Mal hat das Kind mit Hanks einen Begleiter an seiner Seite, der es nicht wieder verlässt. Und so fließt die unbändige Energie der jungen Schauspielerin in Neues aus der Welt in andere Bahnen. Allein diese Reise ist schon Grund genug, sich den Film anzusehen, doch Greengrass hat noch mehr zu bieten.

Gemeinsam mit dem erfahrenen Kameramann Dariusz Wolski, der schon mit Ridley Scott, Robert Zemeckis und Tim Burton arbeitete, gelingen dem Regisseur grandiose Aufnahmen der wilden und ruppigen Natur des Landes, lässt durch aus großer Höhe geschossene Aufnahmen seine Protagonisten fast darin verschwinden. Und macht ihre Reise durch dieses Gebiet dadurch umso beeindruckender. Zudem weist Neues aus der Welt Parallelen zu einem anderen großartigen Neo-Western auf: Wie in Hostiles mit Christian Bale begegnen den Helden auf ihrem Trip außerhalb der Städte nur Gewalt, Bitterkeit und Tod. Das ist zwar nicht so prägend düster wie in Scott Coopers Film, dennoch ist die Botschaft auch hier klar. Und verdeutlicht die Notwendigkeit für Kidd und Johanna, zu einem Team zu werden – nur so können die beiden in dieser gefährlichen Umgebung ohne Regeln oder Gnade überleben. 

Neues aus der Welt

Wer auf Action und wilde Schusswechsel hofft, dürfte trotz gelegentlicher Gewaltausbrüche bei Neues aus der Welt nicht auf seine Kosten kommen. Der Film ist im Kern eine Geschichte über eine ungewöhnliche Vater-Tochter-Beziehung und nutzt dazu das Western-Setting, ohne groß auf die typischen Elemente des Genres zurückzugreifen. Hier wird mehr geredet als geschossen.

Fazit:

Paul Greengrass gelingt mit Neues aus der Welt ein einfühlsames Drama über zwei verwundete Seelen, die von Tom Hanks und Helena Zengel beeindruckend dargestellt werden. Neben dem starken Schauspiel glänzt der Film auch durch grandiose Landschaftsbilder und hätte eigentlich allein dafür auf die große Leinwand gehört. Zudem steuert James Newton Howard noch einen wundervollen Soundtrack bei. Klassisches Erzählkino, das sich vor allem Cineasten nicht entgehen lassen sollten. 

Neues aus der Welt startet am 10. Februar 2021 bei Netflix.

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