Nocturne: Amazon Primes dritter Blumhouse-Horror

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Bisher hat Amazon Prime im Vergleich zum Konkurrenten Netflix nur sehr wenige Eigenproduktionen pro Jahr angeboten. Diese Geschäftspraktik scheint sich nun langsam zu ändern. Denn neben einigen Serien hat das weltgrößte Internet-Kaufhaus nun auch die Spielfilm-Produktion hochgefahren. Gleich vier Horrorfilme oder Thriller wurden beispielsweise mit den Grusel-Spezialisten von Blumhouse gedreht. Zwei davon kamen am 6. Oktober 2020 ins Prorgramm, zwei weitere folgen am 13. Oktober 2020. Nocturne ist einer davon - wie gut ist er?

Die Handlung:

Die Zwillingsschwestern Julia (Sydney Sweeney, Euphoria) und Vivian (Madison Iseman, Jumanji 2) sind beide begnadete Pianistinnen, die an einer Eliteschule weiter ausgebildet werden. Doch während Vivian das Leben in vollen Zügen genießt, Zeit mit ihrem Freund Max (Jacques Colimon, The Society) verrbingt und Spaß hat, quält sich Julia mit ihren Übungen, hat kaum soziale Kontakte und ist noch Jungfrau. Dennoch ist Vivian die bessere Musikerin. Doch das ändert sich, als Julia durch Zufall eine Kladde von Moria, der durch Selbstmord verstorbenen Star-Geigerin der Schule, in die Hände fällt. Auf den Seiten finden sich neben Noten jede Menge wirre Hyroglyphen und Zeichnungen, die Julia nicht versteht.

Doch nachdem sie die Kladde ein Weile in ihrem Besitz hat, stellt Julia fest, dass nicht nur ihr Ehrgeiz wächst, sondern auch ihr Können. So wechselt sie nicht nur ihr Vorspielstück auf as deutlich anspruchsvollere ihrer Schwester, sondern trennt sich auch von ihrem langjährigen Lehrer, der sie ihrer Meinung nach ausbremsen will. Dumm nur, dass sie auch zunehmd Black-Outs hat und sich an manches Vorspiel gar nicht mehr erinnern kann. So kassiert sie Lob für Leistungen, von denen sie nichts mehr weiß. Immer mehr scheint die geheimnisvolle Kladde Julias Leben zu beeinflussen - oder bildet sich die junge Frau das alles nur ein?

Nocturne

Kein typischer Teenie-Horror

Wir beginnen mit einer Entwarnung. Denn was sich möglicherweise ein wenig so liest wie Wish Upon oder Truth or Dare - oder ähnliche Teenie-Horrorfilme, bei dem durch einen Fluch oder ähnliches einer nach dem anderen auf unerfeuliche Art ins Gras beißt, ist in Wahrheit in perfider Psycho-Thriller, bei dem vieles nicht so ist, wie es zu Beginn scheint. Genau daran werden sich bei Nocturne allerdings auch die Geister scheiden. Denn einfache Antowrten gibt der Film ebensowenig wie er sich zum nebenbei Ansehen eignet. Stattdessen lädt Nocturne dazu ein, jedes Detail zu erfassen und sich über jedes Ereignis im Film Gedanken zu machen. Denn der Zuschauer weiß nie genau, was er davon glauben darf.

In ihrem Langfilm-Debüt als Drehuchautorin und Regisseurin zeigt sich Zu Quirke erstaunlich versiert und reif. Mit großer Sicherheit steuert sie ihre Story an platten oder unfreiwllig komischen Momenten vorbei und hält über 90 Minuten die Spannung. Allerdings lässt sich Nocturne auch mit viel gutem Willen nicht als echter Horrorfilm verkaufen. Psychologischer Thriller trifft es besser - und als solcher ist Nocturne auch sehr sehenswert. Die Autorin Quirke erzählt dabei wichtige Plot-Elemente manchmal nur in einem Nebensatz oder einem Blick, die Regisseurin Quirke verpasst der alptraumhaften Geschichte die passenden Bilder und Symbole, um als Zuschauer das Unheil zu ahnen, das auf die Heldin zukommt.

Nocturne

Raum für Interpretationen

So ganz neu ist Quirkes Story allerdings nicht, es finden sich Versatzstücke aus Filmen wie Die neun Pforten, Jacobs Ladder oder Roman Polanskis Klassiker Der Mieter darin. Zudem liefert Quirke ein Finale ab, das für Gesprächsstioff sorgen dürfte, entzieht es sich doch auf den ersten Blick einer klaren Aussage, wie die Story um Julia nun ausgeht. Denn was wirklich passiert und was nur im Kopf Julias geschieht - diese Grenze verabschiedet sich im Verlauf der letzten halben Stunden langsam aber stetig. Die Interpretationen, was die Schlussbilder nun genau zu bedeuten haben, werden daher auch vielfältiger sein als bei den meisten Thrillern.

Wer das als Schwäche sieht, für den dürfte Nocturne nicht der richtige FIlm sein, denn der halbe Spaß besteht genau darin, seine eigene Theorie an den gesehenen Bildern auf Korrektheit zu überprüfen. Hat Julia der Karriere wegen einen faustischen Pakt mit dunklen Mächten geschlossen? Oder ist die junge Frau schlicht dabei, in den Wahnsinn abzugleiten? Oder geschieht etwas ganz anderes? Die Reflektionen um Kunst und Künstler und welchen Preis der Erfolg fordert, sind in jedem Fall sehenswert, wie auch immer man es versteht. Einen großen Anteil an dieser Faszination hat Hauptdarstellerin Sydney Sweeney, die hier stark an Natalie Portmans Figur aus Black Swan erinnert, wenn auch nicht optisch.

Als unscheinbares Entlein, dass sich zumindest innerlich zum kämpferischen bis rücksichtlosen Schwan mausert, liefert Sweeney eine tolle Vorstellung ab. Gegen diese One-Woman-Show haben allerdings alle anderen Figuren keine große Chance sich zu profilieren. Wenn man Quirke etwas vorwerfen möchte, dann sind es die wenig spannenden Nebenfiguren der Handlung. Das schmälert den guten Eindruck des Films aber nur wenig. Nocturne ist ein interessanter Thriller, der nicht von der Stange kommt, sondern schnell eine eigene Note entwickelt, die Fans von spannenden Thrillern sicher anklingen wird.

Nocturne

Fazit:

Das Debüt von Zu Quirke als Drehbuch-Autorin und Regisseurin eines langen Spielfilms ist geglückt. Mit Mut zu Lücken erzählt sie die Story der Künstlerin, die für Ruhm vielleicht ihre Seele oder ihren Verstand verkauft, immer spannend und düster, auch wenn hier nur wenig Horror zu holen ist. Spannend und auf eine spröde Art faszinierend ist Nocturne aber allemal, zudem spielt Hauptdarstellerin Sydney Sweeney auch noch richtig gut. Wer etwas abseitige Filme mag, die nicht alle Fragen einfach beantworten, sondern absichtlich Platz für die eigenen Ideen und Gedanken lassen, ist hier genau richtig. Wer sich lieber berieseln lässt, während er nebenbei auf das Smartphone schaut, wird hier aber nicht glücklich.

Wertung

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