One Night in Miami: Oscar-Favorit exklusiv bei Amazon Prime

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Es gab eine Zeit, da war es völlig tabu, Geschichten zu erzählen, die historische Fakten verbogen oder gar veränderten. Mittlerweile hat sich das geändert und berühmte Schriftsteller werden zu Detektiven, der Zweite Weltkrieg nimmt einen anderen Ausgang und vieles andere mehr. Kemp Powers, der das Drehbuch zu One Night in Miami nach seinem eigenen, gleichnamigen Theaterstück schrieb, geht nicht ganz so weit, legt den Charakteren in einem Treffen, das wirklich stattgefunden hat, aber seine geschriebenen Dialoge in den Mund. Ist das Kino für Bildungsbürger oder können auch Unkundige auf dem Gebiet der USA-Geschichte hier ihren Spaß haben?

One Night in Miami

Die Handlung

Es ist der 25. Februar 1961 in Miami. Ein junger, großmäuliger Boxer namens Cassius Clay (Eli Goree) wird an diesem Abend Weltmeister im Schwergewicht und will das ordentlich feiern. Er trifft sich in einem Hotelzimmer deshalb mit Freunden, die es ebenfalls zu einiger Berühmtheit gebracht haben. Da ist Jim Brown (Aldis Hodge) , ein Superstar des American Football, dazu der Hit-Sänger Sam Cooke (Leslie Odom Jr.) und der Bürgerrechtler Malcolm X (Kingsley Ben-Adir), der mit Cassius befreundet ist und ihm als Berater zur Seite steht. Es sind einige der berühmtesten Afro-Amerikaner ihrer Zeit, die mit dem neuen Weltmeister aller Klassen feiern wollen - zumindest glaubt Clay das. Es kommt anders.

Und auch Sam Cooke ist enttäuscht, als er nur die drei anderen Männer vorfindet, aber keine Frauen, hatte er sich doch auf eine ausgelassene Party gefreut. Da die aber fehlen, kommen die Männer ins Reden, erzählen sich von ihren Plänen für Beruf und Leben und zollen sich gegenseitig Respekt für die erreichten Leistungen. Vor allem der eitle Clay feiert sich immer wieder selbst. Doch irgendwann werden die Gespräche ernster und Spannungen zwischen den Männern treten zutage. So hat Brown die Nase voll vom Rassismus im Sport, Malcolm X wirft Sam Cooke vor, er täte nicht genug für die schwarze Community und Clay überlegt, ob er wirklich Muslim werden will, wie sein Freund Malcolm ...

One Night in Miami Jim Brown

Wissen hilft hier weiter

Was muss man über diesen Film wissen? In erster Line, dass er schwer zu verstehen ist, wenn man sich mit jüngerer amerikanischer Geschichte nicht auskennt und deshalb auch nicht oder nicht genau weiß, wer die Protagonisten dieser Story waren oder sind (Jim Brown ist der einzige, der noch lebt). Denn Regisseurin Regina King macht sich in ihrem ersten Film nicht die Mühe, dem Publikum das zu erklären. Warum auch? Für den US-Markt und dort vordringlich ein afro-amerikanisches Publikum gedacht, ist das nicht nötig, denn da sind die Männer im Film allesamt Ikonen, die jedes kleine Kind kennen dürfte. Hier ist das natürlich anders.

So ist die Zusammenstellung für unkundige Zuschauer bereits eine hohe Einstiegshürde, denn eigentlich nötiges Wissen fehlt. Dazu kommt die Zeit der frühen 60er, über die ein Publikum außerhalb der USA heute auch kein Detailwissen mehr besitzen dürfte. So mag man den Namen Malcolm X vielleicht noch kennen, wofür der Bürgerrechtler aber genau stand, ist sicher kein Allgemeinwissen mehr. Und trotz all dieser Defizite gelingt es One Night in Miami, im Lauf der Story eine Spannung aufzubauen, die sich auch ohne all dieses Wissen erschließt: weil man sie fühlen kann.

One Night in Miami Sam Cooke

Fakten und Fiktion

Kemp Powers nutzt in seinem Stück und dem Drehbuch dazu den historischen Fakt, dass diese vier Männer sich an diesem Abend getroffen haben und lässt sie über Dinge reden, die für den Autor von Relevanz sind. So geraten Malcolm X und Cooke in eine Debatte darüber, wie ihren Mitbürgern am besten geholfen werden kann, ein Streit, in den auch Bob Dylan verwickelt wird und der mit einem Meisterwerk endet. Jeder der Vier kennt den Umstand, trotz ihrer Erfolge noch immer Opfer von Rassismus zu werden, echten Respekt von Weißen weder durch Geld noch durch Leistung verdienen zu können. Powers findet starke Worte für jeden einzelnen und kreiert Streits, die hässlich werden.

Das Ganze ist großartig gespielt, Odom Jr. und Ben-Hadir werden bereits als Favoriten auf den Oscar als bester männlicher Schauspieler gehandelt. Aber auch die beiden anderen liefern eine blitzsaubere Performance ab, die im Gedächtnis bleibt. Ob Goree als großartige Version von Cassius Clay, der die Selbstverliebtheit mit naivem Charme mischt, oder Aldis Hodge, der dem schon erfahrenen Jim Brown eine resignierte Ruhe verleiht. King inszeniert ihr Ensemble dabei so originell, wie sie kann, ohne allerdings ganz das Theaterflair vom Bildschirm zu bekommen. Der Film, der weitgehend in einem Raum spielt, kann seine Herkunft nicht komplett verbergen.

One Night in Miami Malcolm X

King nutzt die knapp zwei Stunden nicht nur, um vier beeindruckenden Männern und großen Talenten auf ihrem jeweiligen Gebiet ein Denkmal zu setzen, sie zieht auch eine bittere Bilanz über den Zustand der US-Gesellschaft, die sich seitdem gar nicht so sehr verändert hat, wie aktuelle Ereignisse deutlich beweisen. Rassismus ist seit einigen Jahren in Hollywood endlich zum wichtigen Thema geworden, wie viele großartige Filme und Serien beweisen und One Night in Miami kann in dieser Reihe gut bestehen. Wer sich für die Thematik nicht so brennend interessiert, bekommt aber immer noch einen toll gespielten Film mit historisch interessanten Momenten und starken Einzelszenen jeder einzelnen Figur.

Fazit:

One Night in Miami ist die Verfilmung eines gleichnamigen Theaterstücks, dass die bekannte US-Schauspielerin Regina King als Regie-Debüt inszenierte. Und das macht sie mit viel Gespür für die richtigen Schauspieler und deren Führung, denn alle vier liefern exzellente Leistungen ab und erwecken die historischen Figuren zum Leben. Dass dabei der Fokus auf ehemalige und noch immer aktuelle Probleme der USA mit Rassismus liegen, ist natürlich klar, aber der Film bietet mehr als nur dieses eine Thema. Wer sich also weder mit der Zeit, noch mit den Charakteren auskennt, sollte sich nicht abschrecken lassen - er versteht dann nicht alles, bekommt aber trotzdem einen tollen Film zu sehen.

One Night in Miami startet am 15. januar 2021 bei Amazon Prime.

One Night in Miami Party

Wertung

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