Outside the Wire: Wie gut ist der neue Actionfilm auf Netflix?

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Sitzen bei Netflix auch Fanboys an den Hebeln der Macht? Man möchte es fast glauben, denn mit Outside The Wire spielt Anthony Mackie bereits die dritte Hauptrolle in einem Netflix-Film innerhalb von zwei Jahren. Nach dem wenig beachteten Actioner Point Blank und dem philosophischen Science-Fiction-Film IO ist Mackie diesmal in einem knallharten Kriegsfilm zu sehen, der allerdings auch Sci-Fi-Elemente aufweist. Mit solchen Szenarien hat Netflix in letzter Zeit punkten können, ob beim abgedrehten Michael Bay Film 6 Underground oder beim beinharten Söldner-Drama Tyler Rake Extraction. Kann auch Outside the Wire überzeugen?

Outside the Wire Harp

Die Handlung

2036: In der Ukraine tobt noch immer ein Unabhängigkeitskrieg zwischen russischen Separatisten und Rebellen. Die USA hat eine Friedenszone eingerichtet und bewacht die neben Soldaten auch mit Kampfrobotern, den so genannten GUMPS. Dennoch ist die Sicherheit trügerisch, wie die Truppen jeden Tag erleben müssen. Denn Separatisten-General Koval (Pilou Asbaeck) greift immer wieder Zivilisten an - und US-Soldaten. Als der junge Drohnenpilot Thomas Harp (Damson Idris) die Entscheidung trifft, einen direkten Befehl zu missachten, um 38 Marines zu retten, muss er sich dafür vor einem Tribunal verantworten. Und die schicken ihn zu Captain Leo (Anthony Mackie).

Schnell stellt Harp fest, dass Leo kein Mensch ist, sondern ein Cyborg-Prototyp, der menschlich wirkt und so agieren kann, als sei er komplett menschlich. Und dieser Leo will Harp auf ein Himmelfahrtskommando mitnehmen, um den gefährlichen Koval endgültig auszuschalten und die Region zu befrieden. Durch einen Kontakt innerhalb der Zone findet Leo heraus, welche Pläne der General verfolgt: Er will sich die Codes für russische Atomraketen aneignen und damit den Westen attackieren. Leo und Harp bleiben nur wenige Stunden, um den Plan des Terroristen zu vereiteln. Und Harp sieht den Krieg dabei zum ersten Mal nicht aus sicherer Entfernung ... 

Outside the Wire Leo

Action mit Botschaft

Mit Outside the Wire präsentiert Netflix ein weiteres Mal ein zweischneidiges Schwert. Oft lag das an Drehbüchern, die der Streaming-Dienst für teures Geld umsetzte, obwohl das Thema eher nischig war und nur wenige Zuschauer begeistern konnte. Das Problem dürfte Outside The Wire nicht haben. Denn die Action stimmt und die Story entwickelt sich sogar in Bereiche, die das Publikum zu Beginn nicht kommen sieht. Dazu stellt der Film auch aktuelle und durchaus unangenehme Fragen an die Politik. Leider zerstört sich der Film aber durch seine großen Logiklöcher, durch die ein ganzer Panzer fahren könnte, vieles von seiner Glaubwürdigkeit. Und das macht Outside The Wire schlechter, als er sein müsste.

Denn die Grundidee, hier einen künstlichen und einen echten Menschen mit einem moralischen Dilemma zu konfrontieren, ist sehr stark und könnte aus einer Kurzgeschichte von Philip K. Dick oder Isaak Asimov stammen. Leider haben die Drehbuch-Autoren Rowan Athale und Rob Yescombe, der bislang vor allem Scripts für Videospiele schrieb (Rime, The Division), bei ihrer durchaus anspruchsvollen Story nicht überprüft, ob die Handlung auch glaubwürdig ist. Denn immer wieder reißen sie den Zuschauer durch grobe Schnitzer aus dem eigentlich packenden Plot.

Outside the Wire Harp und Leo

Unnötige Fehler schwächen die Story

So spielt im Verlauf des Films eine Bank eine zentrale Rolle, die mitten in einem leeren Kriegsgebiet steht - und offenbar mit voller Besetzung arbeitet, einschließlich in Anzug und Krawatte gekleideter Angestellter. In einer anderen Szene fährt Harp völlig unbehelligt durch ein angeblich schwer bewachtes Gebiet - ohne auch nur einen Menschen zu sehen. Und Koval, laut Vorspann ein Phantom, das kaum ein Mensch je erblickt hat, ist 20 Minuten später in Archivbildern auf jedem TV-Gerät zu sehen. Wer von der durchaus fesselnden Handlung nicht so mitgerissen wird, dass er diese Fehler nicht bemerkt, dürfte sich zu Recht fragen, ob hier nicht etwas mehr Sorgfalt bei der Entwicklung der Story möglich gewesen wäre. Coole Actionszenen sind toll, aber sie machen noch deutlich mehr Spaß, wenn sie nicht komplett unlogisch sind.

Die Schauspieler können dafür natürlich nichts - und liefern auch ab. Anthony Mackie kämpft als Mensch-Maschine in Falcon-Manier unter vollem Körpereinsatz gegen seine Gegner, und das sieht einfach gut aus. Der britische Darsteller Damson Idris überzeugt als Neuling im dreckigen Krieg, bei dem man nahe genug herankommt, um das Blut und die Leichen zu sehen, für die man verantwortlich ist. Die Wandlung seiner Figur nimmt man ihm ab - und das ist sein Verdienst, denn das Drehbuch hilft bei dieser inneren Reise nur wenig. Lediglich Fans des dänischen Stars Pilou Asbaek könnten aufgrund der Kürze seines Auftritts ein wenig enttäuscht sein.

Outside the Wire Harp und Sofiya

Auch die letztendliche Botschaft des Films bleibt ein wenig auf der Strecke, weil Regisseur Mikael Hafström, der immerhin den recht guten Stehen King-Film 1408 drehte, zu sehr auf Action und etwas zu wenig auf leise Töne setzt, die dem Film aber gutgetan hätten. Hier hat er denn doch noch eines der typischen Netflix-Film-Probleme: zwischen zwei Stühlen zu sitzen. Wer gern mehr über die moralischen Probleme des Plots gehört und gesehen hätte, wird ebenso enttäuscht wie der klassische Actionfan, dem die philosophischen Ausflüge vermutlich auf die Nerven gehen werden. 

Fazit:

Outside the Wire ist ein Action-Kriegsfilm, der mehr Tiefgang und Themen aufweist, als der Anfang erwarten lässt. Leider haben Drehbuchautoren und Regisseur aber zu viele Logiklöcher eingebaut, um wirklich eine runde Geschichte zu erzählen. Wer sich daran nicht stört, hat zwar trotzdem seinen Spaß an sehr gelungenen Action-Sequenzen, der Film ist deshalb aber schwächer, als er hätte sein müssen. Und so kassiert Outside The Wire seine Wertung nicht wegen seiner (besseren Story), sondern wegen der schwächeren Ausarbeitung. Er bleibt zwar unterhaltsam, verschenkt aber seine Möglichkeiten, mehr zu sein als das.

Outside The Wire startet am 15. Januar 2021 bei Netflix.

Outside the Wire Leo und Koval

Wertung

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