„Pieces of a Woman“: So stark ist das Netflix-Drama

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Im September 2020 feierte „Pieces of a Woman“ im Rahmen der 77. Filmfestspiele von Venedig seine Weltpremiere – und das begleitet von sehr positiven Reaktionen der Fachpresse. Hauptdarstellerin Vanessa Kirby („The Crown“) erhielt sogar eine Auszeichnung als beste Schauspielerin – somit erfolgte der Startschuss für das Oscar-Rennen dieses berührenden Dramas über ein Paar, das aufgrund eines herben Schicksalsschlags entzweit wird. Auch ihr Filmpartner Shia LaBeouf erhielt sehr positive Kritiken, auch wenn aufgrund seiner jüngst publik gewordenen, schweren Ausschreitungen seine Aussichten auf Beachtung bei den größeren Filmpreisen mittlerweile verpufft sind.

Doch „Pieces of a Woman“ ist mehr als bloß ein neuer Oscar-Hoffnungsträger für Netflix und Vanessa Kirbys bisher beste Möglichkeit, vor der Kamera ihr Schauspieltalent vorzuführen. Es ist außerdem ein glänzendes Beispiel für ein tragisches Drama, das durch seine bemerkenswerte Regieführung emporgehoben wird.

Pieces of a Woman

Eine ergreifende Tragödie

Das Bostoner Paar Martha (Vanessa Kirby) und Sean (Shia LaBeouf) erwartet sein erstes Kind. Sean, ein ehemals alkoholkranker Bauarbeiter aus einfachem Hause, ist ungeheuerlich aufgeregt und will unbedingt für seine Frau da sein. Martha, die aus einer besser gestellten Familie stammt, wünschte sich eine Hausgeburt – doch als plötzlich die Wehen einsetzen, ist ihre Wunschhebamme verhindert. Ersatzhebamme Eva (Molly Parker) eilt herbei und versucht, die Lage zu bewältigen. Trotz redlichen Bemühungen endet die Geburt tragisch – und löst somit eine Kettenreaktion aus, die nicht nur die Beziehung zwischen Martha und Sean belastet, sondern auch neue Seiten an Marthas dominanter Mutter (Ellen Burstyn) enthüllt … 

Die Gesamtheit von „Pieces of a Woman“ stützt sich auf der über 20 Minuten langen Geburtsszene, die als Prolog dient und sicherlich als eine der besten Sequenzen ihrer Art in die Filmgeschichte eingehen wird. Regisseur Kornél Mundruczó („Underdog“) und Autorin Kata Wéber packen in diese atemlose Sequenz, die innerhalb von zwei Tagen in sechs Takes gedreht wurde, alles, was in den restlichen Filmminuten noch an Bedeutung gewinnen wird. Wir sehen ein Paar, das sich auch während einer komplizierten Geburt kurze Momente der Zärtlichkeit nimmt. Einen Mann, der ruppiger ist als seine Partnerin, die auch unter großen Schmerzen um Zurückhaltung kämpft. Eine herbeigeeilte Hebamme, die mit Ruhe und Bestimmtheit Einsatz zeigt, der aber nicht die erhofften Ergebnisse bringt.

Im weiteren Verlauf von „Pieces of a Woman“ wird all dies eskalieren – doch genauso, wie Mundruczó die fatale Geburt mit einer intensiven Achtsamkeit einfängt, statt effekthascherisch die Tragik des Geschehnisses zu unterstreichen, verläuft die weitere Eskalation (zumeist) auf stille Weise verhängnisvoll … 

Pieces of a Woman

Bildführung, die unter die Haut geht

Auch wenn die Geburtsszene die längste in „Pieces of a Woman“ bleibt, so setzt Mundruczó auch den restlichen Film über darauf, die Ereignisse im Leben Marthas und Seans in wenigen, dafür ausführlichen Sequenzen einzufangen. Viele Passagen werden als Plansequenzen ohne (oder zumindest ohne klar erkennbaren) Schnitt präsentiert, in denen die von Benjamin Loeb („Mandy“) geführte Kamera durch den Raum geistert, und sich dabei häufig eng an Marthas Wahrnehmung hangelt. Ein ihr unangenehmes Familientreffen, bei dem sie geistesabwesend durch den Raum schlendert, wird so gefilmt, dass auch die Kamera den Rest der Anwesenden aus dem Blick verliert – mit dezent desorientierendem Effekt: Sean lümmelt sich lässig in einem Sessel, Martha schaut kurz weg, plötzlich sehen wir ihn im Spiegel, mitten im Raum stehend. 

In anderen Szenen ent- oder bekleiden sich Figuren, wenn die Kamera für die Dauer eines Augenaufschlags in die andere Richtung schwenkt. Oder wir hören Figuren lange, bevor sie zu sehen sind. Oder erst ein Kameraschwenk hin zu einem Autorückspiegel zeigt, wer am Steuer sitzt. Durch diese Bildführung macht Mundruczó nicht nur deutlich, wie sehr sich Sean und vor allem Martha emotional abgekapselt haben: Diese kleinen, irritierenden Momente wie „Wie konnte er sich so schnell ausziehen?“ oder „Wie kam er plötzlich dorthin?“ vermitteln regelmäßig im Film das Gefühl, etwas versäumt zu haben und den Gedanken, dass doch etwas fehle. So, wie im Leben von Sean und Martha etwas fehlt, das hätte da sein sollen … 

Pieces of a Woman

Kirbys Tour de Force

Der große Star des Films ist zweifelsohne Vanessa Kirby. Da sie noch keine Geburt durchgemacht hat, entschied sich die „Fast & Furious: Hobbs & Shaw“-Nebendarstellerin dazu, zur Vorbereitung zahlreiche Dokumentationen über Geburten zu schauen und sogar hautnah einer beizuwohnen. Diese Vorbereitung hat sich bezahlt gemacht: Kirby gibt im fesselnden Auftakt von „Pieces of a Woman“ eine immens glaubwürdige Darbietung ab, in der sich Schmerz, Freude, Zuneigung und Angst auf einzigartige Weise vereinen. 

Nach dem Prolog spielt Kirby Martha ebenso komplex – legt sie aber auch auf faszinierende Art passiv an. Martha ist nach dem Schicksalsschlag verschlossen, wortkarg und zurückhaltend – und da das Drehbuch (trotz mehrerer symbolischer Elemente) lebensnah-beobachtend, statt erklärend angelegt ist, bleibt sie auch zu gewissem Grad für Interpretationen offen: Ist diese Frau, die kurz nach dem Tod ihres Neugeborenen im feuerroten Mantel zur Arbeit geht … Die beschließt, den Leichnam der Wissenschaft zur Verfügung zu stellen, statt ihn zu bestatten … Und die ratlos dreinblickt, wenn Familienfreunde sie beim Einkaufen aufhalten, um ihr Beileid zu bekunden … Völlig abgeklärt? Hat sie schneller ihren Frieden mit dem Tod ihres Kindes gemacht als Sean und ihre Mutter? Oder übt sie sich in schädlichem Maße in Verdrängung?

Da wir, gemäß des Filmtitels, nur Teile Marthas erleben (diese aber unfassbar nah), werden wir dazu eingeladen, mit unseren eigenen Gefühlen und Erfahrungen das Bild zu vervollständigen. Und es ist Kirbys kohärenter, nicht zuletzt auch dank des Verzichts auf lauten, schrillen Emotionsausbrüchen aufwühlender Performance zu verdanken, dass Martha dennoch echt und wie aus dem Leben gegriffen wird, statt wie eine lückenhafte Filmskizze.

Pieces of a Woman

Ein rundum fähiger Cast

Doch auch abseits Kirby glänzt „Pieces of a Woman“ mit talentierten Schauspielerinnen und Schauspielern. LaBeouf etwa macht seinen Job sehr gut und macht aus Sean einen ruppigen, verletzlichen Mann, der unbeholfen mit seiner überschüssigen Energie umgeht – und dafür mal völlig zurecht einstecken muss, mal unnötig hart angepackt wird. Und Sarah Snook („Predestination“) gelingt es, die Rolle einer abgebrühten Anwältin, die Eva für den Tod des Kindes verantwortlich machen will, so anzulegen, dass aus diesem potentiellen Stereotyp eine glaubwürdige Person wird, die ihr nahestehenden Menschen einen Gefallen machen möchte.

Das wohl streitbarste Element von „Pieces of a Woman“ stellt derweil Ellen Burstyn dar, die Marthas Mutter mit einer Manie spielt, als würde sie die Energie ihrer legendären „Requiem for a Dream“-Rolle wiederaufleben lassen. Da diese Rolle zudem zugespitzt konstruiert ist, während der Rest des Films deutlicher wie aus dem Alltag gegriffen vermittelt wird, und dann auch noch einen gallig-überspitzten Wutmonolog auf ihre Tochter vom Stapel lässt, werden sich hier die Geister gewiss scheiden: Ist Burstyn das Gänsehaut-Element des Films, der aus einer tragischen Allerweltsgeschichte bedeutungsschwere Filmkunst macht, oder eine maßlose Übertreibung, die einen still, aber vehement operierenden Film für einige Minuten in den Bereich des himmelschreienden Melodrams verfrachtet?

So oder so ist es nicht allein Burstyn, die dies zu verantworten hat – denn die Schauspielerin macht ganz klar das, was Skript und Regie hier von ihr verlangen. Und das verfolgt sie konsequent! Die Frage ist jedoch, ob Mundruczó sowie Wéber bei dieser Figur (sowie im erzählerisch unerwartet direkten Finale) dem restlichen Film treu bleiben, indem sie mit unerwarteten, drastischen Mitteln hantieren, oder sie die subtile Eindringlichkeit von „Pieces of a Woman“ kurzzeitig verletzen.

Fazit

Trotz kleiner Momente, in denen „Pieces of a Woman“ etwas dick aufträgt, ist dieses Drama ein bewegendes, eindringliches Werk, das uns zwei Stunden lang intensiv an einem herben Schicksalsschlag teilhaben lässt. Und Vanessa Kirby meldet sich schon früh im Streamingjahr für den Titel „Beste Darstellerin 2021“ an.

„Pieces of a Woman“ ist bei Netflix streambar.

Alle Bilder: © Netflix

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