"Run": Was kann der neue Film vom "Searching"-Regisseur?

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Run - Du kannst ihr nicht entkommen © Leonine
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Vor knapp drei Jahren veröffentlichte der dato noch völlig unbekannte Regisseur und Drehbuchautor Aneesh Chaganty sein Debüt: Der Desktopthriller mit dem Titel "Searching" erzählte einen gleichermaßen emotionalen wie spannenden Vermisstenfall ausschließlich über Computerbildschirme, nutze Chatfenster, Videoabspieldienste und Social-Media, um seine Zuschauer:innen aus dieser besonders persönlichen Perspektive umso stärker an das Leinwandgeschehen zu fesseln. Das Experiment ging auf, "Searching" wurde weltweit hochgelobt. Für Chagantys Nachfolgewerk "Run - Du kannst ihr nicht entkommen" dürfte dies kaum gelten. Der Kammerspielthriller punktet mit einer starken Idee, aus der das bereits für "Searching" verantwortliche Team allerdings nichts herauszuholen weiß.

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Die Handlung

Im Mittelpunkt von "Run - Du kannst ihr nicht entkommen" steht das schwierige Verhältnis zwischen Chloe (Kiera Allen) und ihrer sie überbehütenden Mutter Diane (Sarah Paulson) im Fokus. Nachdem diese ihre Tochter bei der Geburt fast verloren hatte, schottet sie die mittlerweile zum Teenager herangewachsene Chloé völlig von ihrer Außenwelt ab. Das im Rollstuhl sitzende Mädchen wird zuhause unterrichtet und hat weder über Telefon, Internet, noch in der Realität Kontakt zu anderen Menschen. Da sie es nicht anders kennengelernt hat, stört sich Chloé lange Zeit kaum daran. Doch langsam wird sie flügge und sie beabsichtigt, schon bald auf's College zu wechseln. Etwas, was ihrer Mutter großes Unbehagen bereitet. Doch während andere Mütter und Väter ihre Trauer ob des bevorstehenden Auszugs ihres Kindes herunterschlucken und ihrem Sprössling den Rücken stärken, setzt die bevorstehende Trennung ungeahnte Kräfte in Diane frei. Mit allen erdenklichen Mitteln versucht sie, ihre Tochter an sich zu zu binden - koste es was es wolle. 

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Erinnerungen an "The Act" werden wach

"Run - Du kannst ihr nicht entkommen" erinnert thematisch an die 2019 auf Starz und hierzulande bei Amazon Prime abrufbare Thrillerserie "The Act", die den wahren Fall einer am Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom leidenden Mutter (gespielt von Patricia Arquette) erzählt. Leidet eine Person unter dieser psychischen Störung, fügt sie ihrem Kind kontinuierlich körperliche Schäden zu, um sich anschließend aufopferungsvoll darum zu kümmern. Der Lohn ist nicht nur eine vermeintlich besonders enge Bindung zum Kind, sondern auch die Anerkennung von außen - etwas, wonach man süchtig werden kann, wie es "The Act" in acht herausragend inszenierten Folgen zu erzählen wusste. Und zwar sowohl aus der Täterinnen- als auch aus der Opfersicht.

Aneesh Chaganty hält sich für seine Version, ein solches Schicksal in Filmform aufzubereiten, voll und ganz an die Tochter. Und macht aus "Run - Du kannst ihr nicht entkommen" dadurch über weite Teile zu einem Drama mit - wenn überhaupt - Thrillereinschlag aber nie zu einem geradlinigen Thriller, geschweige denn Horrorfilm, wie ihn beispielsweise die Internet Movie Database (IMDb) einordnet. Dass "Run" auf der Dramaebene immerhin halbwegs funktioniert, liegt am starken Spiel der Newcomerin Kiera Allen, die hier ihr Schauspieldebüt gibt. Ihr gegenüber steht eine bisweilen anstrengend overactende Sarah Paulson ("American Horror Story"), die ihre Figur der der überbehütenden Mutter immer wieder in die Karikatur kippen lässt. Dadurch ist "Run" oft nur mäßig spannend. Und die Frage, was für ein Verhältnis die beiden Frauen zueinander haben, stellt sich nie. Aneesh Chaganty macht von Anfang an deutlich, dass diese Mutter ein völlig fehlgeleitetes Verständnis für Mutterliebe hat. Interessant ist da in erster Linie, wie ihre Tochter darauf stößt, dass in ihrer Welt etwas ganz und gar nicht in Ordnung ist. Doch leider ist der Film dafür unangebracht reißerisch geraten.

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Vorhersehbar und überraschungsarm

Die von den Verantwortlichen nach und nach aufs Parkett gebrachten Informationen über Diane und ihre Tochter schreien regelrecht danach, ihre Zuschauer:innen sprachlos zurückzulassen zu wollen. In routinierter Regelmäßigkeit erfahren wir Neues aus der Vergangenheit und Gegenwart des Mutter-Tochter-Gespannes und darüber, wie es Diane gelingen konnte, ihr Kind so lang bei sich zu behalten. Leider funktioniert dieses Höher-schneller-weiter-Prinzip nur mäßig, denn Sarah Paulson verkörpert ihre Mutterfigur von Anfang an derart durchtrieben und abgebrüht, dass es mit der Zeit überhaupt nicht mehr schockt, wenn man erfährt, dass die offensichtlich wahnsinnige Frau sogar noch wahnsinniger ist als bisher angenommen. Das gilt auch für die Auflösung, für die sich das Skript ein letztes Mal aufbäumt und mit einem astreinen Twist um die Gunst der Zuschauer:innen buhlt. Was dort enthüllt wird, ist zwar tatsächlich überraschend, aber da es "Run - Du kannst ihr nicht entkommen" versäumt, vorher eine entsprechend hohe Fallhöhe aufzubauen, nimmt man die finalen Wendungen allenfalls schulterzuckend entgegen. 

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Fazit

"Run - Du kannst ihr nicht gekommen" besitzt eine hervorragende Ausgangslage für einen geradlinigen Thriller über das kontrovers diskutierte Thema Münchhausen-Stellvertreter-Syndrom, das auch schon die 2019er-Serie "The Act" so interessant machte. Doch "Run" funktioniert vor allem deshalb nicht, weil die Macher:innen ihrem Publikum nicht zuzutrauen scheinen, die Szenerie von der toxischen Familienbande von Anfang an zu durchschauen. Sämtliche Enthüllungen besitzen keinerlei Wow-Effekt, sondern komplettieren einfach nur ein Bild, das man von der ersten Sekunde an bereits hat. Schade um Kiera Allen, die hier immerhin eine starke Debütperformance als gebeutelte Tochter abgibt.

"Run - Du kannst ihr nicht entkommen" ist ab dem 15. Januar auf DVD, Blu-ray und schon jetzt als VOD erhältlich.

Wertung

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