Sentinelle: Wie gut ist der neue Rache-Thriller bei Netflix?

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Die Justiz versagt – oder droht zu versagen – und so tritt der einsame Rächer an, um die Täter zu bestrafen. Schon seit den 70er Jahren, als Charles Bronson diesen Plot mit der Ein Mann sieht Rot-Reihe erfolgreich machte, gibt es regelmäßig diese Story in Kinos, meist aber fürs Heimkino, zu sehen. Gerne wird dafür ein abgehalfterter Ex-Actionstar besetzt, allein Steven Seagal hat diesen Film wohl schon an die 50 Mal gedreht. In jüngerer Zeit haben sich Regisseure und Drehbuchautoren immerhin auch mal getraut, aus dem Rächer eine Rächerin zu machen (Peppermint, Colombiana). Nun tritt Ex-Model Olga Kurylenko an, um böse Buben zu bestrafen. Ob sich das lohnt, verrät die Kritik.

Sentinelle @Netflix

Obwohl Klara nach einem traumatischen Erlebnis nach Nizza versetzt wurde, ist sie im Geist noch immer in Syrien.

Die Handlung

Die russisch-stämmige Klara (Olga Kurylenko), die in der französischen Armee dient, kommt mit einem schrecklichen Trauma aus dem Syrien-Krieg zurück nach Nizza – Ihrer Heimat. Dort soll sie im Sentinelle-Programm eingesetzt werden, einer Spezialtruppe, die nach terroristischen Aktionen Ausschau hält. Zwar freuen sich ihre Mutter und ihre kleine Schwester Tania (Marylin Lima) über ihre Rückkehr, Klara selbst kommt mit dem Grauen des Krieges aber nur durch starke Drogen zurecht. Und entwickelt sich zunehmend zu einer Zeitbombe. Als ein Mann am Strand von Nizza eine Frau verprügelt, greift sie selbst ein anstatt wie befohlen auf die zuständige Polizei zu warten.

Eine ganz andere Gewaltspirale beginnt allerdings, als sie mit Tania in einen Nachtclub geht, in dem sie einen One-Night-Stand findet und ihre kleine Schwester sich mit einem jungen Mann einlässt und verschwindet. Als Klara am nächsten Tag nach Hause kommt, erfährt sie, dass Tania vergewaltigt und bewusstlos am Strand gefunden wurde. Schnell findet die Soldatin heraus, dass es sich bei dem vermeintlichen Vergewaltiger um den Sohn eines einflussreichen russischen Oligarchen handelt, der in Frankreich Diplomatenstatus genießt. Der Polizei sind die Hände gebunden, Klara hingegen pfeift auf die Vorschriften: Sie will den Verantwortlichen zur Rechenschaft ziehen – mit allen Mitteln ... 

Sentinelle @Netflix

Immer wieder macht Klara Polizeiarbeit, die ihr als Soldatin gar nicht gestattet ist. 

Genau das drin, was draufsteht

Immer wieder gibt es Filme, die dem Publikum im Trailer und sogar noch im ersten Drittel Genre-Inhalte vorgaukeln, die dann gar nicht oder nur am Rande vorkommen – echte Mogelpackungen eben. Sentinelle ist das Gegenteil davon. Regisseur und Drehbuchautor Julien Leclercq, Spezialist für Action-Thriller, zeigt in kurzen, knackigen 75 Minuten Netto-Laufzeit exakt die Story, die der Trailer ankündigt: eine schnörkellöse, harte Rache-Story. Und das macht er komplett überraschungsfrei. Kein einziger Moment von Sentinelle kommt unerwartet oder unvorhersehbar. Wer schon ein paar solcher Filme gesehen hat, weiß stets, was als nächstes passiert.

Das ist zwar für das Genre durchaus nicht ungewöhnlich, etwas weniger generisch wäre es aber schon gegangen. Denn die Konstellation des Verbrechers außerhalb der Reichweite des Gesetzes ist nun wirklich die denkbar einfachste, Dutzende russischer Oligarchen haben die Zuschauer bereits im Film erlebt, die natürlich allesamt Verbrecher sind. Hier wäre ein wenig mehr Innovation beim Drehbuch schreiben wirklich schön gewesen. Aber bei aller Kritik am mäßigen Plot: Sentinelle liefert auch im positiven Sinn exakt das, was das Publikum von einem solchen Film erwartet. 

Sentinelle @Netflix

In einem Nachtclub stellt Klara den vermeintlichen Vergewaltiger.

Harte, glaubhafte Action

Das Wichtigste: harte, glaubhafte Action. Und hier zeigt Leclercq, dass er langjährige Erfahrung besitzt. Die Nahkämpfe sind zwar nicht ganz auf John Wick-Niveau – aber auch nicht allzu weit davon entfernt. Olga Kurylenko prügelt sich beispielsweise schmerzhaft glaubwürdig mit mehreren Leibwächtern auf dem Männerklo eines Nachtclubs. Und auch ein Kampf im Krankenhaus kann sich mehr als sehen lassen. Der Schusswaffen-Einsatz passt ebenfalls dazu. Wer blutige Kopfschüsse fängt, fällt um und bleibt liegen – und auch Kurylenko ist nicht unverwundbar, sondern steckt ein, leidet, stöhnt – und blutet.

Als einziger Charakter im Film, der so etwas wie eine Background-Story bekommt, spielt die 41-jährige Ukrainerin, bislang nicht als grandiose Charakter-Darstellerin aufgefallen, die zerrissene Klara immerhin gut genug, um das Publikum emotional abzuholen und so den Selbstjustiz-Feldzug zu legitimieren. Leclercq inszeniert sie aber nie als strahlende Heldin, sondern als gebrochene Figur, die auch aus eigennützigen Motiven den Weg der Gewalt wählt. Dazu baut der Regisseur in dem kurzen, aber beeindruckenden Prolog, der im syrischen Krieg spielt, Klara auch als Opfer auf, die traumatisiert und gleichzeitig gefährlich durch ihr Leben taumelt und nur in ihrer Rache genug Halt findet, um weitermachen zu können.

Sentinelle @Netflix

Immer tiefer gerät Klare in einen Strudel aus Gewalt und Tod.

Darin unterscheidet sich Sentinelle von der Stangenware, die es früher in den unteren Regalen der Videotheken zu finden gab. Klara ist kein reines Klischee, sondern wirklich ein Charakter, den es so geben könnte. Zudem verzichtet Leclercq auf jegliche, ablenkende Nebenhandlung und erzählt seine Story so stringent und knapp wie möglich. Das hebt den Film ein wenig aus dem Einheitsbrei der meist hohlen Rache-Actionfilme hervor.

Fazit:

Sentinelle ist zwar kein wirklich toller Film, aber trotz seiner ausgelutschten Rache-Story danke der kurzen Laufzeit und der interessanten Hauptfigur besser als das Gros der typischen B-Movie-Produktionen mit Stars, die vor Jahren einmal als Actionstars galten. Regisseur und Drehbuch-Autor Julien Leclercq versteht sich auf die Inszenierung glaubwürdiger, harter Action und versucht gar nicht erst, durch das Aufbauschen der generischen Story Zeit zu verschwenden. Stattdessen rast er durch den Plot und bietet einem Action-Publikum, was es will. Dass das ehemalige Model und meist als Blickfang gecastete Olga Kurylenko hier auch noch eine ordentliche Performance abliefert, ist ein weiterer Pluspunkt.

Sentinelle startet am 5. März 2021 bei Netflix.

Sentinelle @Netflix

Überlebt Klara den blutigen Showdown?

Wertung

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