Spuk in Bly Manor: Neues Horror-Highlight auf Netflix?

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Mike Flanagan erarbeitet sich seit knapp zehn Jahren immer mehr den Ruf als neuer Meister des Horrors. Mit seinen Filmen wie Absentia, Oculus, Hush oder Das Spiel (letztgenannte auch für Netflix) konnte der Amerikaner ebenso überzeugen wie mit Spuk in Hill House, der vielleicht besten Horror-Serie der vergangenen Jahre. Und zuletzt zog er sich sogar bei der eigentlich unmöglichen Aufgabe, Kings Romanfortsetzung und Kubricks Film in Doctor Sleep unter einen Hut zu bringen, zumindest achtbar aus der Affäre. Was hat Flanagan, der all seine Arbeiten nicht nur inszeniert, sondern auch schreibt und schneidet, jetzt aus Henry James' Gothic-Novel-Klassiker The Turn of the Screw gemacht?

Die Handlung

Die junge Amerikanerin Dani (Victoria Pedretti) bewirbt sich bei dem englischen Geschäftsmann Henry (Henry Thomas) in London um einen Job als Kindermädchen und Lehrerin für seine Nichte und seinen Neffen, die auf dem Land in einem alten Herrenhaus leben. Zuerst scheint Henry sie nicht zu mögen, doch als sie sich zufällig in einem Pub in der Nähe treffen und ins Gespräche kommen, gibt der verschroben wirkende Mann den Job. Wenig später wird sie von Owen (Rahul Kohli), dem Koch des Anwesens, abgeholt und nach Bly Manor gefahren. Dort lernt sie neben den Kindern Flora (Amelie Bea Smith) und Miles (Benjamin Evan Ainsworth) auch die Haushälterin Hannah (T'Nia MIller), Gärtnerin und die Gärtnerin Jamie (Amelia Eve) kennen.

Schon von Beginn an erscheinen Dani die Kinder ein wenig seltsam. Zuerst glaubt sie daran, dass die Kinder noch immer den Verlust ihrer Eltern verarbeiten, doch bal erfährt sie beunruhigende, andere Dinge. So hat sich ihre Vorgängerin als Kindermädchen, eine junge Juristin namens Rebecca (Tahira Sharif), im nahegelegenen kleinen See das Leben genommen. Denn ihr Liebhaber Peter (Oliver Jackson-Cohen), einst Chauffeur des Haushaltes, hatte Henry bestohlen und sich dann davongemacht, was Rebecca offenbar nicht verkraftet hat. Aber warum wollen die Kinder auf keinen Fall, dass Dani nachts allein im Haus umherstreicht? Und wer ist der Mann, den außer Dani niemand zu sehen scheint?

Spuk in Bly Manor

Keine Nacherzählung des Romans

The Turn of the Screw von Henry James wurde bereits mehrfach adaptiert, die bekannteste Version dürfte noch immer Schloss des Schreckens von 1961 sein, in dem Deborah Kerr die Hauptrolle spielte. Für seine Version des berühmten Stoffes benutzt Flanagan zwar die Grundstory der Novelle, ändert aber vieles ab oder erfindet ganze Erzählstränge komplett neu. Somit ist Spuk in Bly Manor auch für Zuschauer interessant, die den Roman bereits kennen. Wer sich allerdings auf Flanagans zweite Spuk-Staffel wegen des Horrors gefreut hat, den der Regisseur in Hill House meisterhaft verbreitete, wird hier möglicherweise enttäuscht: Bly Manor entpuppt sich als deutlich harmloser und weniger gruselig als der Vorgänger.

Zwar arbeitet Flanagan hier mit ähnlichen Ideen und macht vieles von dem Grauen, das er erzählt, an dramatischen und hochemotionalen Ereignissen fest, aber den Level, den er beim Sezieren der dysfunktionalen Familie aus Hill House an den Tag legte, erreicht er hier nicht wieder. Während er bei allen zehn Folgen von Hill House Regie führte und drei Episoden selbst schrieb, inszenierte und schrieb er für Bly Manor nur die erste Folge - und das merkt man der Serie auch an. Oft kopieren die anderen Regisseure der zweiten Staffel zwar Flanagans Inszenierungs-Ideen, sind aber nicht so virtuos im Umgang mit dem Schrecken wie Flanagan selbst. So dauert es bis zum ersten echten Schock-Moment bis Folge 5.

Spuk in Bly Manor

Mehr Drama als Horror

Immerhin ist das so etwas wie ein Startschuss für Horrorfans, denn die bis dahin eher behäbige Serie gibt ab diesem Zeitpunkt in Sachen Horror ein wenig mehr Gas. Die Intensität und Dunkelheit, die Hill House verströmte, erreicht Bly Manor aber nie. Dennoch wäre es unfair, von einer schlechten Serie zu sprechen, dazu ist sie zu gut geschrieben und gespielt. Nur ist eben die gesamte Story nicht so packend, ziehen sich manche Handlungsstränge trotz der Verkürzung von zehn auf neun Folgen zu lange hin. Zudem fehlen die ganzen großen Twists, die Flanagan in Hill House noch meisterhaft in die Handlung packte. Was in Bly Manor überraschen soll, dürften aufmerksame Zuschauer schon etliche Folgen früher durchschaut haben.

Tatsächlich erinnert Spuk in Bly Manor in einigen Momenten an AHS Murder House, liefert aber im Gegensatz zum Auftakt der Ryan Murphy-Serie eine Erklärung für die Vorkommnisse im Haus. Außerdem gelingt es Flanagan erneut, ein bittersüßes Ende für seine Story zu finden, das durchaus nachwirkt und durch die Klammer einer Erzählerin, mit der die Serie beginnt und endet, eine besondere Note erhält. Staffel 2 der Anthologie-Serie zeigt auch, warum Mike Flanagan immer wieder mit den gleichen Schauspielern arbeitet. Denn die Qualität, die er vor allem aus seinen Spuk-erfahrenen Darstellern herausholt, ist absolut sehenswert. 

Henry Thomas, Victoria Pedretti und Oliver Jackson-Cohen sind in ihrem Hauptrollen immer überzeugend und Carlo Gugino und Flanagan-Gattin Kate Siegel glänzen in wichtigen Nebenrollen. Allerdings sind auch die neuen Gesichter in der Serie beeindruckend. Vor allem Benjamin Evan Ainsworth als unheimliches Kind und T'Nia Miller als Hausdame haben etliche starke Szenen zu bieten. Und so ist es auch keine Frage, dass die Spuk-Serie bei Netflix gern weitergehen dürfte. Nur sollte Mike Flanagan dann vielleicht wieder so stark involviert sein wie bei Hill House. Das allerdings ist angesichts seines vollen Terminkalenders leider eher unwahrscheinlich.

Spuk in Bly Manor

Fazit:

Ganz so gut wie der grandiose Spuk in Hill House ist Spuk in Bly Manor nicht ausgefallen. Zumindest Horrorfans kommen in der deutlich zahmeren Story um Liebe und Tod nicht so auf ihre Kosten wie zuvor. Dennoch gehört auch die zweite Staffel zu den besseren Serien beim Streaming-Dienst und überzeugt mit tollen Schauspielern, guten Drehbüchern und einer spannenden Story, wenn auch die erste Hälfte deutlich schwächer ist als die zweite. Wer mit atmosphärischem Grusel mehr anfangen kann als mit Blutbädern, wird hier immer noch gut bedient.

Wertung

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