Stranger Things-Star als Enola Holmes

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Zwar ist die Rechtelage in jedem Land ein wenig anders, doch grundsätzlich gilt: Irgendwann ist ein Copyright auf eine Figur oder Geschichte ausgelaufen und wird zum öffentlichen Gut. Das ist bei Musik so - und auch bei Literatur. 2014 fällte ein US-Gericht beispielsweise das Urteil, dass der unsterbliche Detektiv nun nicht länger geschützt sei. Die Autorin Nancy Springer schrieb ihre sechs Enola Holmes-Romans allerdings schon zwischen 2006 und 2010 - und stellte Sherlocks kleine Schwester als aufstrebende Detektivin in die Männerwelt des späten 19. Jahrhunderts. Netflix hat nun den ersten Roman der Reihe verfilmt - wie gut ist das Ergebnis?

Enola Holmes

Die Handlung

Der Vater schon lange gestorben, die deutlich älteren Brüder früh aus dem Haus: Enola Holmes (Millie Bobby Brown) wächst allein mit ihrer Mutter Eudoria (Helena Bonham-Carter) auf. Als sie deshalb ausgerechnet am Morgen ihres 16. Geburtstags feststellen muss, dass ihre Mutter verschwunden ist, bricht für Enola eine Welt zusammen. Dem Abschiedsgeschenk von Eudoria misst sie zuerst keine große Bedeutung zu und ruft ihre Brüder zur Hilfe. Doch während der berühmte Detektiv Sherlock (Henry Cavill) hauptsächlich mit ihr über Kindheitserinnerungen sprechen möchte, plant der ältere Mycroft (Sam Claflin) Schlimmeres: Er will Enola in ein Erziehungsheim stecken!

Weil der 16-jährigen diese Idee überhaupt nicht gefällt, schleicht sie sich aus dem Haus, um in Verkleidung nach London zu reisen, wohin die Spur ihrer Mutter führt. Denn deren Geschenk entpuppte sich bei genauerem Hinsehen als Rätsel mit dem Ergebnis London. Im Zug lernt sie nicht nur den flüchtigen Adligen-Sohn Tewksbury (Louis Partridge) kennen, sondern muss dem Jungen auch gleich das Leben retten. Und so schlittert sie, eigentlich nur auf der Suche nach ihrer Mutter, gleich in ihren ersten großen Fall als Detektivin: Wer will den Jungen tot sehen - und warum? Während Enola ihre Ermittlungen beginnt, setzt sich ihr genialer Bruder Sherlock auf ihre Fährte ...

Kein Film für Sherlock-Fans

Wer darauf hofft, hier einen mit junger Frau garnierten Sherlock Holmes-Film zu sehen, dürfte enttäuscht sein. Cavills Figur spielt tatsächlich nur eine eher kleine Nebenrolle. Unumstrittener Star ist Millie Bobby Brown als Enola Holmes, die in so gut wieder jeder Szene des Films vorkommt. Und ständig mit dem Zuschauer spricht. Das Durchbrechen der vierten Wand, so explizit zuletzt in "Deadpool" zu erleben, ist ein netter Einfall, der die Figur schnell transparent und liebenswert macht, ohne deshalb Dialog zu benötigen. Enola lässt das Publikum an ihren Gedanken und Überlegungen teilhaben und bringt so auch die leider sehr sprunghafte Handlung voran.

Dass auch in Enola eine brillante Ermittlerin schlummert, zeigt der Film hingegen erst nach einer Stunde Laufzeit, wenn klar wird, dass die junge Frau über ein fotografisches Gedächtnis verfügt und sich jederzeit an winzige Einzelheiten erinnern kann. Das ist filmisch immerhin schön umgesetzt, kommt aber etwas plötzlich und unerwartet. Dennoch ist das eine der wenigen Szenen, die etwas an Benedict Cumberbatch als Sherlock erinnern. Regisseur Harry Bradbeer, ein erfahrener TV-Macher; kann sich lange nicht entscheiden, ob der das Drehbuch von Jack Thorne nun als Detektiv-Geschichte oder Emanzipationsdrama einer jungen Frau Ende des 19. Jahrhunderts inszenieren will.

Enola Holmes

Feminismus light

Zwar erzählt der Film immer wieder vom Kampf der damaligen Frauen um das Wahlrecht, letztlich dient dieser Umstand aber lediglich als Aufhänger, um Teile der Geschichte in Gang zu bringen - ein klassischer MacGuffin. Eindringlicher und besser macht es Bradbeer bei der persönlichen Story von Enola, die sich ständig von anderen bevormundet sieht, obwohl ihre Mutter sie seit Jahren dazu trainiert hat, selbständig und ohne Hilfe zurechtzukommen. Dass gerade ihr eigener Bruder ihr dieses Recht beschneiden will, gehört zu den traurigsten Momenten im Film, allerdings auch zu denen, in denen Brown am meisten glänzen und ihr Talent zeigen kann. 

Mit zwei Stunden ist Enola Holmes allerdings nicht nur deutlich zu lang, Bradbeer kann sich auch während der ganzen Laufzeit nicht für einen einheitlichen Ton entscheiden, in dem er den Film erzählt. Mal scheint er eine recht junge Zielgruppe unterhalten zu wollen, streut aber immer wieder auch recht düstere Momente ein, die für Kinder nicht so recht passen wollen. Das mag daran liegen, dass er neben der Entwicklung seiner Heldin gleich noch zwei Kriminalfälle erzählen muss: die verschwundene Mutter und das Rätsel um den jungen Adligen. Das gelingt ihm trotz der zwei Stunden Zeit nicht. Die Suche nach Eudoria kommt daher auch irgendwann zum Erliegen und wird wenig befriedigend aufgelöst.

Der Film basiert auf einer Vorlage aus sechs Romanen und ursprünglich sollte Enola Holmes auch in die Kinos kommen. bevor Netflix den Film kaufte. Ob es trotz des recht offenen Schlusses noch weitere Filme geben wird, muss der Erfolg zeigen. Und der könnte dank der Stars und der aufwendigen Inszenierung mit tollen Kulissen und Kostümen durchaus eintreten. Zwar ist Enola Holmes kein wirklich guter Film, aber ein stets unterhaltsamer. Mit ein wenig Straffung und mehr Fokus auf einem Handlungsstrang wäre der Film sicher auch deutlich spannender gewesen. So bleibt ein akzeptabler Anfang einer möglichen Filmreihe.

Enola Holmes

Fazit:

Gute Schauspieler, eine tolle Millie Bobby Brown - und doch springt der Funke nicht so richtig über. Regisseur Harry Bardbeer will in zwei Stunden Laufzeit so viele Storys und Aspekte erzählen, dass so mancher davon deutlich zu kurz kommt und den Film ausbremst. Charmant ist es immer dann, wenn Enola das Publikum an ihren Gedanken teilhaben lässt und auch optisch enttäuscht der Film nicht. Mit erster Liebe, zwei Kriminalfällen und dem Kampf um die Freiheit sind aber schlicht zu viele Themen im Topf, um allen den Platz zu geben, den sie gebraucht hätten. Das ist dennoch unterhaltsam, hätte aber spürbar besser werden können, als es ist.

Enola Holmes startet am 23. September 2020 bei Netflix.

Wertung

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