Tatort: Der feine Geist markiert einen Abschied

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Sie polarisierten: Nora Tschirner als rumpelige Ermittlerin Kira Dorn und Christian Ulmen als ihr beruflicher Partner und Lebensgefährte Lessing, der bislang keinen Vornamen bekam. Während das eher traditionelle Publikum mit dem mitunter fast bizarren Humor des Weimarer Tatorts wenig anfangen konnten, brachten die Fälle andere Zuschauer dazu, sich die Folgen anzusehen, obwohl sie sonst keine Tatort-Fans sind. Viele besonders gelungene Gags lagen im Zusammenspiel der vier wichtigsten Figuren auf dem Weimarer Revier. Die wird es nach diesem Tatort in dieser Form nicht mehr geben ...

Tatort: Der feine Geist

Die Handlung

Turbulente Zeiten auf dem Weimarer Revier. Kurt Stich (Thorsten Merten) der Vorgesetzte von Dorn und Lessing, hat ein Angebot, eine neue Dienststelle aufzubauen und verkündet bei den Kollegen seinen Abschied von Weimar. Er quält sich allerdings mit der Entscheidung, wer seine Nachfolge antreten soll. Währenddessen geschieht in der Stadt ein Raubüberfall, fast direkt vor den Augen von Dorn (Nora Tschirner) und Lessing (Christian Ulmen) und die beiden nehmen sofort die Verfolgung des Flüchtigen auf. Doch der kann in einer Höhle nicht nur entkommen, sondern verletzte bei seiner Flucht auch noch Lessing am Arm. Was zunächst harmlos aussieht, muss doch im Krankenhaus behandelt werden.

Und so ermittelt Dorn vorerst allein in dem Fall, der wenig später sein zweites Opfer fordert. Wieder ist ein Mann der Sicherheitsfirma niedergeschossen worden, die schon beim ersten Überfall ein Opfer zu beklagen hatte. Während Kollege Lupo (Arndt Schwering-Sohnrey) in der Höhle nach Spuren sucht und dabei eine Entdeckung macht, besucht Dorn die Firma Geist, dessen Chef John (Ronald Zehrfeld, Babylon Berlin) seine Leute in eine Art Familien-Gefühl eingebunden hat. Doch auf Dorn wirkt der Liebhaber exotischer Vögel nicht wie ein Menschenfreund und so glaubt die Kommissarin auch nicht an einen Raubmord als Motiv. Kann sie ohne Lessing den Mörder finden?

Tatort: Der feine Geist

Deutlich ernster als die frühen Fälle

Beim Weimarer Tatort war die Krimihandlung oft Nebensache und machte so Platz für die skurrilen Figuren und trockenen Dialoge - die heimlichen Stars dieser speziellen Folgen. So richtig viel zu lachen gibt es diesmal angesichts des sehr düsteren Falles und des bevorstehenden Abschieds einer wichtigen Figur allerdings nicht. Und nicht nur, was die Handlung angeht: Für 2021 ist kein neuer Tatort aus Weimar geplant, ob es überhaupt weitergeht, steht nach Aussage des MDR momentan nicht fest. Für Fans des Duos Lessing und Dorn könnte Der feine Geist also tatsächlich die letzte Vorstellung bedeuten.

Und die ist gleichzeitig stark und schwach. Denn die üblichen Frotzeleien zwischen Lessing und Dorn gibt es diesmal fast gar nicht, auch der Humor verkümmert entweder zu Albernheiten des immer mehr zum schlechten Witz verkommenden Lupo oder ist bei den Ermittlungen merklich zurückgenommen. Ein paar richtig gelungene Szenen gibt es in Sachen Humor noch immer, doch Der feine Geist scheint sich des Ernstes der Situation bewusst und nimmt flapsige Dialoge und schräge Typen merklich zurück. Wie passend das war, erfährt der Zuschauer erst am Ende.

Tatort: Der feine Geist

Medien mit Mega-Spoiler

Leider haben bereits viele Medien Mitte Dezember verraten, was an Der feine Geist so besonders ist und vor allem Tatort-Fans dürften es bereits im Vorfeld mitbekommen haben. Das ist deshalb sehr schade, weil die Macher ihren Clou nicht nur sehr sorgfältig vorbereiten, sondern auch gekonnt in Szene setzen. Und so gerät der recht generische Fall auch nach einer guten Stunde immer mehr in den Hintergrund, um dem wahren Ereignis dieses Tatorts Platz zu machen. Und das geht - auch dank der gutem Schauspieler - dem Zuschauer tatsächlich nahe. Und so endet der Weimarer Tatort diesmal im Gegensatz zu sonst in einem melancholischen Moll-Ton statt mit Humor.

Ob es weitergeht mit dem Gespann Dorn und Lessing, dazu gibt es zurzeit noch keine verlässlichen Aussagen, eine längere Pause ist in jedem Fall beschlossen. Reizvoll wäre es ganz sicher, das Duo in der am Ende geschaffenen neuen Konstellation zu sehen, ob sich die Verantwortlichen dazu durchringen können, scheint aber unsicher. Es dürfte sehr davon abhängen, welches Zuschauer-Echo Der feine Geist einsammelt und ob die Fans weitere Fälle sehen möchten oder nicht. Beim eher konservativen Tatort-Publikum dürfte die Chance nicht sonderlich hoch sein, dass der neue Status Quo von Weimar sonderlich gut ankommt - leider.

Tatort: Der feine Geist

Denn eigentlich ist das Ende von Der feine Geist für Schauspieler und Autoren ein Geschenk, aus dem sich viel machen ließe. Doch schon der meist von der Kritik gelobte, aber mit schlechten Quoten abgestrafte Tatort mit Ulrich Tukur lässt wenig Zweifel daran, dass Folgen abseits des Mainstreams bei den durchschnittlichen Traumquoten der ARD für Standard-Krimis ihre Schwierigkeiten bekommen. Daher ist es nicht unwahrscheinlich, dass der handwerklich solide und inhaltlich überaus mutige Tatort aus Weimar der letzte in dieser Besetzung sein könnte.

Fazit:

Kein Tatort von der Stange ist mit Der feine Geist der mögliche Abschied vom Gespann Dorn/Lessing. Der Fall ist zwar alles andere als grandios, das Drumherum und die mutigen Entscheidungen des Teams sind hingegen sehr sehenswert. Dennoch könnte das Ergebnis sowohl die treuen Fans des Weimarer Tatorts enttäuschen, weil es möglicherweise der letzte war, als auch die Millionen von treuen Tatort-Zuschauern, die einen typischen Krimi am Sonntagabend sehen wollen. Die sonstigen Stärken des Weimarer Tatorts - skurrile Figuren und Ereignisse, mit wunderbarem Wortwitz und intelligenten Sprüchen kommentiert - tritt zugunsten des dramatischen Plots jedenfalls in den Hintergrund.

Tatort: Der feine Geist läuft am 1. Januar 2021 um 20:15 bei der ARD und um 21:40 bei ONE.

Tatort: Der feine Geist

Wertung

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