The Lie: Fieser Thriller auf Amazon Prime

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Schon 2018 schrieb und inszenierte die kanadische Krimispezialistin Veena Sud, Schöpferin von The Killing, ihre Version des Thrillers Wir Monster des deutschen Autoren-Duos Sebastion Ko und Marcus Seibert. Ihre Version trägt den Titel The Lie, hält sich aber sonst weitgehend an die Vorlage. Doch warum kommt der Film erst zwei Jahre nach seiner Premiere bei einem Filmfest zu Amazon Prime? Ist er so schlecht? Das klärt die Kritik.

Die Handlung

Keyla (Joey King) ist ein unzufriedener Teenager. Ihre Eltern haben sich vor Jahren getrennt, Mutter Rebecca (Mireille Enos, World War Z) ist strenger mit der Tochter als der Vater Jay (Peter Sarsgaard, Green Lantern), ein Musiker. Doch Jay soll Keyla zu einem Ballett-Kurs fahren, zu dem sie eigentlich nicht will. Unterwegs sammeln sie noch Keylas Freundin Brittany (Devery Jacobs) ein, die ebenfalls für den Kurs angemeldet ist. Während einer Rast gehen die Mädchen spazieren, wenig später hört Jay einen Schrei. Brittany ist verschwunden, Keyla sitzt wie versteinert auf der Brüstung einer Brücke. Ihr Vater will die Polizei rufen, weil das Mädchen offensichtlich von der Brücke in den eisigen Fluss gestürzt ist.

Doch Kelya stoppt ihn und gibt zu, ihre Freundin geschubst zu haben. Jay fährt daraufhin mit Keyla zu seiner Ex-Frau und die beiden überlegen, was nun zu tun ist. Um ihrer Tochter die Konsequenzen für ihr Handeln zu ersparen, verständigen sich Jay und Rebecca darauf, Keylas Tat zu vertuschen. Doch das ist einfacher gesagt als getan, denn bald taucht Brittanys Vater auf, um sich nach dem Verbleib seiner Tochter zu erkundigen. In ihrer Verzweiflung verfällt Rebecca auf eine Idee, die sich als fatal erweist ...

The Lie

Starkes Duo aus Regie und Schauspiel

The Lie macht vieles richtig. Regisseurin und Drehbuch-Autorin Veena Sud ist erfahren darin, abseitige und düstere Geschichten zu erzählen. Und das merkt man dem Film auch an. Die emotionalen Ausbrüche der Charaktere stehen in gut gesetzter Opposition zur eiskalten Umgebung, Sud setzt die Natur in der Story als Kontrapunkt zum Geschehen. Und sorgt nebenbei dafür, dass der Sturz in einen Fluss als Todesursache auch glaubhaft ist. Zudem besetzt sie die weibliche Hauptrolle mit Mireille Ennos, die bereits die Heldin in Suds erfolgreicher Serie The Killing spielte - vier Jahre lang. Diese Vertrautheit zwischen Schauspielerin und Regie merkt man dem Film wohltuend an, Ennos ist extrem überzeugend.

Außerdem seziert Sud sehr säuberlich die Mechanismen innerhalb des Beziehungsgeflechts zwischen den geschiedenen Eltern untereinander und der jeweiligen Sichtweisen auf das gemeinsame Kind. Und hier überzeugt neben Joey King auch Peter Sarsgaard als vermeintliches Weichei, der im Angesicht der Situation ganz neue und sehr dunkle Seiten an sich entdeckt. An den Schauspielern liegt es also gewiss nicht, dass der Film bei seiner ersten Aufführung auch kritische Stimmen hervorrief. Denn das große Problem von The Lie ist seine Glaubwürdigkeit.

The Lie

Wenn der erste Schritt nicht passt ...

Dabei ist der Ablauf des Geschehens weitgehend makellos. Ist die Sache erst einmal in Bewegung geraten, sind die zunehmend von Verzweiflung und Panik getriebenen Handlungen der Eltern, die ihr Kind schützen wollen, gut nachvollziehbar. Das Problem ist der erste Schritt, der trotz der guten Schauspieler und des sonst ordentlichen Scripts nicht so recht zünden will. Daher ist die erste halbe Stunde des Films auch die mühsamste, denn die Initialzündung, die alles auslöst, bleibt zunächst im Dunkeln und wird erst im Finale zwar passend, aber dennoch wenig befriedigend aufgelöst. Hier erinnert The Lie an Vorbilder wie den Oscar-gekrönten Mystic River, dessen Qualität er aber nie erreicht.

Denn wie man es auch dreht und wendet, Auslöser und Finale wirken bei all den Ereignissen dazwischen nicht stimmig und die eigentlich stark gespielten Emotionen dadurch schal. Sud hält sich dicht an die deutsche Vorlage und macht damit wohl den entscheidenden Fehler: Dass der Plot so nicht funktioniert, hätte sie als derart erfahrene Krimi-Expertin merken müssen. Die Rolle der Keyla bleibt den ganzen Film über zu blass, der Umgang der Eltern mit ihr letztlich zu harmlos, um völlig zu überzeugen. Darn ändert auch die stark spielende Joey King nichts.

Diese Diskrepanz zwischen dem unglaubwürdigen Verhalten von Rebecca und Jay gegenüber ihrem Kind und den sehr nachvollziehbaren Aktionen gegenüber dem Rest der Welt hält The Lie davon ab, von einem durchschnittlichen Thriller zu einem richtig guten Film zu werden. Was allerdings auch wieder passend ist. Denn wie in der Handlung ist es nur ein Detail, das hier über die Qualität des Ganzen entscheidet.

The Lie

Fazit:

Über weite Teil ist The Lie ein spannendes Thriller-Drama mit ausgezeichneten Darstellern. Anfang und Ende des Plots reißen allerdings die deutliche bessere Mitte des Films mit sich in den Abgrund. Denn an diesen Stellen muss der Zuschauer schon eine große Kröte schlucken, um die Story noch ernst zu nehmen. Das ist auch deshalb schade, weil die sonstige Inszenierung von Veena Sud absolut gelungen ist. Manchmal sind es Kleinigkeiten, die einen guten Film ausmachen. Und die hier leider nicht stimmen.

The Lie ist ab dem 6. Oktober 2020 bei Amazon Prime zu sehen.

Wertung

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