The Wilds: Wie gut ist die neue Mystery-Serie bei Amazon Prime?

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Filme und Serien mit dem Prädikat Mystery sind nicht nur ein Spiel mit dem Ungewissen, sondern immer auch ein Spiel mit dem Kopf des Zuschauers. Das zeigen beispielsweise die Filme von David Lynch, vielleicht dem Großmeister des Genres, auf grandiose Weise. Doch auch im TV boomte Mystery: Nachdem Akte X zum Welterfolg wurde, machte ein paar Jahre später Lost Hoffnung auf eine weitere, großartige Serie. Ob sie diese Hoffnung nun erfüllen konnte oder nicht. darüber streiten die Fans seit dem Ende der Show. Und nun kommt mit The Wilds eine zehnteilige Serie zu Amazon Prime, deren Ausgangspunkt verdächtig nahe an Lost liegt - gibt es auch andere Parallelen?

The Wilds Gruppenbild

Die Handlung

Neun junge Frauen sind auf dem Weg nach Hawaii, wo sie an einem besonderen Workshop teilnehmen sollen, als das Privatflugzeug plötzlich Probleme bekommt und wenig später abstürzt. Wie durch ein Wunder haben alle Frauen überlebt, eine hat allerdings offenbar ernste innere Verletzungen. Ein paar der Frauen kennen sich, unter anderem sind Rachel (Reign Edwards) und Nora (Helena Howard) Schwestern, und Toni (Erana James) und Martha (Jenna Clause) gute Freundinnen. Dazu kommen noch die depressive Leah (Sarah Pidgeon), die tief religiöse Shelby (Mia Healey), die verwöhnte Fatin (Sophia Ali) und die stets anpackende Dorothy (Shannon Berry).

In den ersten Stunden glauben die Frauen noch an Rettung, doch bald eskaliert die Situation. Die Schwerverletzte stirbt, es scheint kein Trinkwasser auf der Insel zu geben und ein Gewitter macht den Mädchen unmissverständlich klar, dass sie hier um ihr Überleben kämpfen müssen - und nach Möglichkeit nicht gegeneinander. Als auch nach Tagen noch keinerlei Zeichen einer möglichen Rettung auftaucht, beginnen die jungen Frauen, die Insel zu erkunden. Und lernen dabei nicht nur etwas über ihre neuen Gefährtinnen, sondern auch über sich selbst. Und niemand von ihnen bemerkt die vielen winzigen Kameras, die überall auf der Insel versteckt sind ...

The Wilds

Mehr The I-Land als Lost

Auch wenn die Grundprämisse ähnlich klingt - mit Lost hat The Wilds nur wenig zu tun, Da gibt es schon eher Parallelen zur Netflix-Serie The I-Land, die auch einen ähnlichen Plot aufweist. Denn die Amazon-Serie gibt schnell preis, dass der Flugzeugabsturz gar nicht so zufällig war, und die neun Frauen offenbar Versuchskaninchen in einem Experiment darstellen. Aber auf Rauchmonster oder ähnliches wartet der Zuschauer hier vergeblich - The Wilds ist eher Thriller als undurchschaubare Mystery. Allerdings steckt in dieser Serie auch eine Menge Tote Mädchen lügen nicht. Denn die Herkunft und Vergangenheit der überlebenden Frauen spielen eine zentrale Rolle.

So steht in Folge eins Leah im Mittelpunkt, aus deren Sicht der erste Tag der Handlung erzählt wird, von der das Publikum aber auch ihre jüngste Geschichte kennenlernt - die unglückliche Liebe zu einem deutlich älteren Mann, die sie fast auffrisst. Jeder der Frauen bekommt ihre eigene Episode, die Schlüsselmomente ihres Lebens beleuchtet und Dinge für den Zuschauer so im Nachhinein klarer macht, als sie es zu Beginn sind. So erfährt das Publikum in Episode 3, warum Dorothy so gut darin ist, Dinge zu organisieren und in die Hand zu nehmen. Allerdings sind nicht alle dieser kurzen Lebensgeschichten gleich spannend, ein paar Durchhänger sind leider dabei.

The Wilds Dot

Kluges Verwirrspiel mit dem Zuschauer

Viel spannender als die einzelnen Figuren ist die Erwartungshaltung, die Showrunnerin Sarah Streicher (Daredevil) hier aufbaut und auch immer wieder genüsslich umstößt. Denn mit ihrer Art, die Geschichte zu erzählen, suggeriert sie dem Zuschauer Fakten, die gar keine sind. Das stellt sich aber erst gegen Ende heraus, wie es bei guten Spannungs-Serien sein sollte. Denn auch das schnell aufgelöste Geheimnis, dass es sich hier um eine Art Experiment handelt, beantwortet noch längst nicht alle Fragen in diesem Plot. 

Zudem arbeitet Streicher geschickt mit bestimmten Archetypen von Frauen, ohne sie deshalb gleich zu langweiligen, konturlosen Charakteren zu machen. Zwar lassen sich alle Frauen mit nur einem Adjektiv umschreiben, doch sie bekommen im Lauf der Serie mehr Tiefe. Die große Kunst des Plots ist es aber, dem Zuschauer stetig zu suggerieren, dass er mehr weiß als die Protagonistinnen. Das stimmt zwar auch im Großen und Ganzen, dennoch weiß auch das Publikum nicht so viel wie es zu wissen glaubt. Und daraus zieht The Wilds durchaus einen gewissen Reiz. Es lässt sich allerdings dennoch nicht leugnen, dass nicht so furchtbar viel Spektakuläres passiert auf dieser Insel.

Dass die Serie mit ihren zehn Folgen deshalb zu lang wirkt, liegt allerdings nicht an den Schauspielerinnen, die ihre Rollen allesamt glaubhaft spielen und manchen Zuschauer daher auch auf eine emotionale Reise mitnehmen, denn manche dieser Schicksale gehen einem wirklich nahe. Trotzdem fehlt der Serie der letzte Kick, um sie von einer ansehnlichen zu einer richtig guten Serie zu machen, die man unbedingt sehen muss. Dass The Wilds seine Geschichte heutzutage schon fast standardmäßig nicht zu Ende erzählt, um eine weitere Staffel zu rechtfertigen, ist ein zusätzliches Ärgernis.

The Wilds Nora

Fazit:

The Wilds ist eine interessante Mystery/Thriller-Serie, die mit ein paar richtig guten Twists auifwarten kann und durchgehend gut gespielt ist. Die Schwächen liegen eher in der Handlung, die mit vielen langen Rückblenden arbeitet und daher ihrer Hauptstory eher zögerlich folgt. Zwar hält sich die Serie zu Beginn streng an die Regel, in jeder Folge eine der jungen Frauen näher zu beleuchten, aber diese Charakterzeichnung geht auf Kosten der Spannung. Ein paar Folgen weniger wären hier deshalb mehr gewesen. Wer aber grundsätzlich Stoffe dieser Art mag, sollte ruhig mal einen Blick riskieren, denn schlecht ist The Wilds nun wahrlich nicht.

The Wilds startet am 11. Dezember 2020 bei Amazon Prime.

Wertung

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