Tribes of Europa: Mad Max für Arme bei Netflix?

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Die neue Serie der Dark-Macher, so war es fast überall über Tribes of Europa zu lesen. Klingt auch gut, stimmt aber nicht so richtig. Zwar sind mit Quirin Berg und Max Wiedemann zwei der Produzenten von Dark auch bei der neuen Serie dabei, aber ohne den beiden zu nahe treten zu wollen, sind die kreativen Köpfe bei Script und Inszenierung der beiden Serien nicht identisch. Ähnlichkeiten sind dennoch vorhanden, was sich nicht in Oliver Masucci erschöpft, der hier wie dort eine Hauptrolle spielt. Grundstimmung, Setting, Optik – da sind schon Parallelen zu finden. Leider auch bei den Schwächen der Serien. Welche das sind, verrät unsere Kritik.

Tribes of Europa

Die Handlung

Wir schreiben das Jahr 2074. Seit einer Katastrophe im Jahr 2029, die von den Überlebenden nur Schwarzer Dezember genannt wird, ist die Zivilisation wie wir sie kennen untergegangen. Statt großer Staaten existieren nun Stammesgebiete verschiedener Tribes, die auf ganz unterschiedliche Arten ihr Leben gestalten. Aus den Resten des Eurocorps haben sich die Crimson entwickelt, eine Militär-Organisation, die vom Wiederaufbau des alten Europas träumt. Ihnen gegenüber stehen die Crows, die ihren Hauptsitz im ehemaligen Berlin haben und in eine tyrannische Stammesform zurückgekehrt sind, wo das Recht des Stärkeren gilt und Sklaverei wieder salonfähig ist.

Und es gibt die Origines, die im Wald leben und die Technik als Wurzel allen Übels ablehnen. Zu ihnen gehören die drei Geschwister Kianu (Emilio Sakraya), Liv (Henriette Konfurius) und Elja (David Ali Rashed), die eines Tages ein abstürzendes Flugobjekt entdecken. Darin finden die Drei einen halbtoten Piloten und einen seltsamen Würfel, für den Elja eine besondere Affinität entwickelt. Es heißt, der Cube gehöre den sagenumwobenen Atlantiern, einem Stamm, der den Schwarzen Dezember schadlos überstanden hat und sich irgendwo versteckt hält. Leider haben auch die Crows den Absturz gesehen und attackieren das Dorf der Origines. Die drei Geschwister werden dadurch getrennt und geraten in Lebensgefahr ...

Tribes of Europa

Unrunde Zukunftsvision

Das Projekt Tribes of Europa ist eindeutig das Baby von Philip Koch. Er hatte die Idee zur Story, führte Regie und schrieb am Drehbuch mit. Daher trifft ihn auch die Hauptschuld an den Dingen, die in der Serie nicht oder nicht gut funktionieren. Da wäre zunächst das Setting. Optisch zieht sich Koch da noch ganz ordentlich aus der Affäre, obwohl hier deutlich sichtbar kein Hollywood-Budget zur Verfügung stand. Aber die verlassenen Gebäude und menschenleeren Straßenzüge geben atmosphärisch ein gutes Bild der Lage ab. Glaubwürdig ist es allerdings nicht, dass keine 50 Jahre nach einer Katastrophe niemand mehr Namen wie Berlin oder Deutschland benutzt.

Ebenso wenig wie viele andere Aspekte der Handlung. Barbarische Stämme mit Klingonen-Attitüde und einem unfassbar schlecht geschriebenem Anführer taugen ebenso wenig als realistisch anmutende Zukunft wie der Tribe aus Eingeborenen, die Technik ablehnen, aber allesamt strahlend weiße Zähne haben. Vielleicht wäre das Jahr 2174 eine bessere, weil glaubwürdigere Wahl gewesen, um dieses Mad Max-Setting anzusiedeln. Der Vergleich passt auch deshalb, weil 1979, dem Entstehungsjahr von Mad Max, die Idee vielleicht noch originell gewesen wäre. Heute hat man diese Art Story schon Dutzende Male gesehen – und oftmals besser.

Tribes of Europa

Rumpel-Dialoge

Zwar helfen die vielen Stereotypen der Serie bei einer schnellen Skizzierung der Figuren, was bei nur sechs Folgen durchaus verständlich ist, aber sie überraschen dann eben auch nicht. Viel von der Handlung aus Folge 6 werden erfahrene Serienseher bereits in Folge 3 kommen sehen. Und diese Vorhersehbarkeit kostet Tribes of Europa eine Menge Spannung. Die Dialoge hätten außerdem noch einen Feinschliff vertragen können, vieles klingt holprig oder schlicht unpassend – 2074 hin oder her. Aber es ist nicht alles schlecht in dieser Serie. So hat Koch einige Schauspieler gefunden, die sich wirklich in ihre Rolle werfen und herausholen, was möglich ist. 

Neben dem eigentlich immer starken Oliver Masucci ist das vor allem Emilio Sakraya, der aus seiner eigentlich eher undankbaren Rolle noch einiges macht. Ebenfalls überzeugend ist Henriette Confurius, die als Liv einen der wenigen wirklich interessanten Charaktere spielen darf. Demgegenüber stehen aber, ganz ähnlich wie in Dark, einige Schauspiel-Leistungen, die nicht in eine solche Serie gehören, sondern nach Laienspielgruppe aussehen. Diese sehr wechselhafte Qualität wirft den Zuschauer immer wieder aus der Story und so fällt es tatsächlich schwer, mit manchen Figuren richtig warm zu werden, bis das Ganze nach kurzen sechs Folgen auch schon wieder – vorläufig – vorbei ist.

Tribes of Europa

Natürlich endet es Netflix-typisch mit einem Cliffhanger uns so lässt Tribes of Europa das Publikum mitten in einer Story sitzen, die sehr mäßig anfängt und sich im Lauf der Episoden immerhin auf ein halbwegs ordentliches Niveau steigert. Von einer richtig guten Serie ist diese deutsche Produktion aber noch ein Stück entfernt, auch wenn einzelne Szenen durchaus packend und emotional gelungen sind. Aber wenn sich die drei Geschichten der Geschwister nach sechs Folgen in jeweils zwei bis drei Sätzen zusammenfassen lassen, deckt das auf, wie wenig eigentlich passiert. Dennoch ist es schön, überhaupt einmal so eine Story aus Deutschland zu sehen, die sich traut, einen unverkopften B-Movie-Plot zu erzählen.

Fazit:

Tribes of Europa versucht sich an einer glaubhaften und dennoch unterhaltsamen Dystopie mit ein paar Seitenhieben auf die EU, die aber letztlich an zu vielen Schwachpunkten krankt. Unglaubwürdiges Szenario, sehr unterschiedliche Schauspieler-Leistungen und wenig geschliffene Dialoge machen die sechs Folgen nur bedingt sehenswert. Denn viel Neues hat die Serie Sci-Fi-affinen Zuschauern auch nicht zu bieten, da sind viele alte Kamellen dabei. Ein paar gute Ansätze, eine stimmige Atmosphäre und eine dreigleisig erzählte Story lassen aber das Potenzial durchblicken, das die Serie eigentlich hat. Ob es für eine Verlängerung reicht, ist aber ungewiss.

Tribes of Europa startet am 19. Februar 2021 bei Netflix.

Tribes of Europa

Wertung

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