„Wer stiehlt mir die Show?“: Bye-bye, Joko?

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Eine Quizshow, bei deren Aufzeichnung sich der Moderator verletzt? Ja, das gibt es. Eine Quizshow, bei der der Moderator gemäß den Showregeln seinen Hut nehmen muss, wenn seine Gäste besser sind als er? Ja, das gibt es. Eine Quizshow, in der ein Mann mit Höhenangst die wohl längste und höchste Showtreppe Deutschlands hinunter trippelt? Ja, das gibt es. Eine Quizshow mit Showband? Ja … auch das gibt es. Und all das ist ein und dieselbe Show!

© ProSieben/Claudius Pflug

Joko quizzt gegen seine Gäste

Die Rede ist von „Wer stiehlt mir die Show?“: Die neuste Primetime-Sendung des Münchener Privatsenders ProSieben. Entwickelt und produziert wurde das Format von der Kreativschmiede Florida Entertainment, dem Haus, das uns bereits solche Shows wie „Circus HalliGalli“, „Das Duell um die Welt“ und „Joko & Klaas gegen ProSieben“ beschert hat. Während in letztgenannter Show das Duo Joko & Klaas gegen seinen Heimatsender kämpft, um 15 Liveminuten zu gewinnen, quizzen in „Wer stiehlt mir die Show?“ vier Personen darum, dem Moderator Joko Winterscheidt die Show wegzunehmen.

Woche für Woche treten Palina Rojinski (eine gute Freundin des Hauses Florida TV), Schauspielstar Elyas M'Barek und Showtitan Thomas Gottschalk an. Außerdem gibt es in jeder Folge eine „Wildcard“: Eine „normalsterbliche“ Person aus dem TV-Publikum. Wer sich aus diesem Kandidatenquartett am besten anstellt, tritt im von Katrin Bauerfeind gastmoderierten Finale gegen den Host an. Heißt: Wenn Joko versagt, dann ist er in der Folgewoche nur noch Kandidat und seine Bezwingerin/sein Bezwinger übernimmt Jokos Pflichten. Es könnte also dazu kommen, dass Joko nach einem verlorenen Finale nie wieder moderiert, sondern nur noch Dauerkandidat ist. So schräg, so genial.

© ProSieben/Florida Entertainment

© ProSieben/Florida Entertainment

Hübsches Gaga

Man hätte es nicht anders erwarten dürfen: Die Produktionsfirma, die für die Samstagabendshow „Das Duell um die Welt“ Einspielfilme mit Kinooptik dreht, und die bei der Dienstagabendshow „Joko & Klaas gegen ProSieben“ ein Studio einsetzt, das unverhältnismäßig modern und stylisch ist (inklusive Boden, der so manche High-End-Konzert-LED-Wand in den Schatten stellt), klotzt auch bei ihrem Primetimequiz. „Wer stiehlt mir die Show?“ mischt das optisch längst eingeschlafene Showgenre mit einem absurd großen Studio in Pastelltönen und schmuckem, zeitgemäßen On-Air-Design ordentlich auf.

Das sorgt für eine einladende, leicht kauzige Grundatmosphäre – und dann kommen noch solche Elemente wie eine unsinnig hohe Showtreppe und ein „Streitwagen“, mit dem Joko Winterscheidt durch das Studio kurvt, hinzu. An letzterem hat sich Joko übrigens während einer Aufzeichnung geschnitten (genauer gesagt am Notausschalter) – in welchem Quiz würde sowas sonst passieren?

All das ist aber nicht nur bloßer Schein. Genauso wie der in einem architektonisch herausragendem Haus in Calpe gedrehte Vorspann und die Präsenz einer swingenden Showband, machen diese Elemente klar, dass hier niemand kostengünstig mit einem altbewährten Konzept einen Programmplatz füllen wollte. „Wer stiehlt mir die Show?“ nimmt sich vor, eine Quizstuktur zu nutzen, um eine Entertainment-Wundertüte zu präsentieren.

© ProSieben/Claudius Pflug

Strukturiertes Chaos

Anders gesagt: Wer eine „richtige“ Quizsendung wie die unzähligen Jörg-Pilawa-Shows oder „Wer wird Millionär?“ mit Günther Jauch erwartet hat, dürfte bei der Premiere ziemlich zügig einen Kulturschock erlebt haben. Zwar fing das Chaos in der ersten Ausgabe noch harmlos an – in Spiel eins galt es, simple Fragen zu beantworten. Statt sie zu sagen oder einzuloggen, galt es aber, die Antworten aufzuschreiben, was Raum für „Was steht da?!“ und Scherze über Sauklauen ermöglichte – und Joko sowie Gäste zu kauzigem Smalltalk bewegte,

Aber schon mit Spiel zwei wurde deutlicher, wie eigenwilig diese Show sein kann und will: Von live gesungenen Song-Mashups, die entschlüsselt werden müssen, bis hin zu Jokern für den Moderator, die zum Beispiel dazu führen, dass das Teilnehmerfeld Kinder-Double steuern muss – in allererster Linie will dieses Quiz fröhlich-blödelig und kreativ unterhalten. Wo sonst würde der Moderator der Kameraassistentin 1.000 Euro geben – aber mit der Bedingung, dass sie in der nächsten Spielrunde für jede richtige Antwort von Thomas Gottschalk 200 Euro verliert, auf dass Mr. Herbstblond in ein moralisches Dilemma gerät..?

Und dennoch verkommt „Wer stiehlt mir die Show?“ nicht zu einem „Ist ja eh alles egal“-Geplätscher. Die Showdramaturgie und die Spielelemente greifen so ineinander, dass bei allem Gescherze und Geblödel eine Fallhöhe existiert. Etwa, weil mal Fragen so leicht sind, dass sich ein Thomas Gottschalk trotz moralischer Stolperfalle keine Fehler erlauben will. Oder weil ein Spiel, das zunächst nach reinem Entertainment-Faktor klingt (Liedtexte zu falscher Melodie erkennen), überraschend knifflig und daher spannend gerät. Und natürlich auch deshalb, weil der kuriose Showpreis, Joko das Format abzuknöpfen, bei aller Verrücktheit eben doch anspornt.

© ProSieben/Claudius Pflug

Quiz mit Persönlichkeit(en)

Der große Clou dahinter, dass „Wer stiehlt mir die Show?“ aufgeht, ist schlussendlich das Casting. Wer kennt's nicht? Promis, die nichts zu sagen haben oder immer dieselben Geschichten vom Stapel lassen. „Normalos“, die völlig überdreht sind, oder aber zu verpeilt und zurückhaltend. Die Überlegung, welche Menschen man in welcher Zusammenstellung in welche Show lässt, ist die komplizierte, nicht ausreichend anerkannte Alchemie, die ein TV-Format aufblühen lassen oder zerstören kann. Und „Wer stiehlt mir die Show?“ macht mit dem Auftakt (erneut) deutlich, dass in der Florida Leute tätig sind, die diese Alchemie beherrschen.

Auftakt-Wildcard-Kandidatin Luisa vereinte eine humorvolle Ader und Ehrgeiz, ohne sich unvorsichtig in den Mittelpunkt zu drängen – und dass sie sich, als sei es ihre zweite Natur, zwischen M'Barek, Winterscheidt, Rojinski und Gottschalk wohl fühlte, erklärte sie strahlend: „Das macht das Umfeld – weil alle so lieb sind!“ Und unterhaltsam obendrein: Einen Gottschalk muss man nur anstupsen, damit er im bescheidensten Tonfall die irrsinnigsten Promi-Anekdoten erzählt. M'Barek lebt sein aus „Fack Ju Göhte“ bekanntes Zeki-Müller-Naturell als Frechdachs, dem es niemand übel nimmt. Palina Rojinski strahlt immense Freude aus und versucht kollegial, Luisa eine Antwort vorzuhauchen, über die sie stolpert. Und Joko gibt den Showmaster, der bis über beide Ohren grinst, weil sein seltsames Konzept aufgeht.

Bei dieser Dynamik macht das Geplauder zwischen den Spielrunden genauso viel Spaß wie die Spiele selbst oder die kreativen Spielereien drumherum (wie etwa ironisch-theatralische Abgänge der Ausscheidenden). Und das ist nötig, damit diese Show ebenso großen Wiedererkennungswert hat wie auch Potential, wandelbar zu sein. Denn wer Joko die Sendung abknöpft, darf sie seiner Persönlichkeit anpassen. Das Studio bleibt natürlich bestehen, ebenso wie das Regelgrundwerk. Doch der Rest ist formbar – und wie er geformt wird, ist spannend genug, dass man es Joko (egal, wie unterhaltsam er durch die Premiere geführt hat) durchaus gönnt, wenigstens gelegentlich zu verlieren. Er darf sich die daraufhin verformte Sendung auch liebend gern heroisch zurückkämpfen.

Fazit

Ein Quiz, das seinesgleichen sucht: „Wer stiehlt mir die Show?“ ist eine mit Passion präsentierte, kreativ gestaltete Unterhaltungssendung mit viel Persönlichkeit. Der Rest des Showjahres 2021 wird sich hieran messen lassen müssen.

Vier weitere Folgen „Wer stiehlt mir die Show?“ sind dienstags ab 20.15 Uhr bei ProSieben zu sehen.

Alle Bilder, wenn nicht anders gekennzeichnet: © ProSieben/Claudius Pflug 

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