Weshalb Netflix „Ratched“ stark an „American Horror Story" erinnert

Sarah Paulson als garstige Krankenschwester Ratched in Ryan Murphys Netflix-Serie „Ratched“. | Spiele.de
Sarah Paulson als garstige Krankenschwester Ratched in Ryan Murphys Netflix-Serie „Ratched“. © Saeed Adyani/Netflix 2020
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Es ist nahezu unmöglich, Serienmacher Ryan Murphy zu entgehen. Nachdem er mit „Nip/Tuck“ eine schwarzhumorige Thrillerserie über Schönheitschirurgie erschuf und mit „Glee“ eine Musical-Dramedy, die gleichermaßen umjubelt wie verhasst war, folgte mit „American Horror Story“ eine mehrfach preisgekrönte Horror-Anthologieserie, die zur Blaupause für viele weitere Serien Murphys werden sollte. Serien wie das Notruf-Procedural „9-1-1“ oder die Netflix-Miniserie „Hollywood“ zeigten aber auch weitere Facetten des Regisseurs, Produzenten und Autoren.

Nun folgt mit dem Netflix-Psychodrama „Ratched“ eine der raren Ryan-Murphy-Produktionen, die nicht er erdacht hat – die Idee zur Serie stammte von Newcomer Evan Romansky. Und doch sind Murphys Fingerabdrücke überall auf dem Format zu erkennen. In der Besetzung, die aus altbekannten Gesichtern aus Murphy-Projekten besteht. In der Ästhetik, die wie ein Clash aus „Hollywood“ (beide Serien beginnen in den 1940er-Jahren) und „American Horror Story“ anmutet. Und in der Tonalität sowie der Erzählweise. Murphy hat sich als Regisseur und Produzent enorm in dieses Format eingebracht. Und das führt dazu, dass „Ratched“ gleichermaßen überraschend wie vorhersehbar mit seiner Vorlage umgeht – dem Roman- und Filmklassiker „Einer flog über das Kuckucksnest“ …

Die preisgekrönte Inspiration 

Aktionskünstler und Schriftsteller Ken Kesey verarbeitete mit dem Roman „Einer flog über das Kuckucksnest“ seine Zeit als Aushilfspfleger in einer psychiatrischen Anstalt sowie seine Erfahrungen mit bewusstseinsbeeinflussenden Substanzen wie LSD. Der Roman erzählt von den Insassen einer Anstalt für psychisch Kranke und vor allem von den Zuständen, denen sie ausgesetzt sind. Einfühlsam und dramatisch schildert „Einer flog über das Kuckucksnest“ von emotional abgekapseltem Personal, Behandlungen, die den Patienten nur Schaden zufügen, sowie von dem Vorurteil, Menschen mit psychischen Erkrankungen seien weniger wert.

Der 1962 in den USA, zehn Jahre später in Deutschland erstveröffentlichte Roman entwickelte sich zu einem weltweiten Bestseller, der von der Kritik anhaltend umjubelt und von der Fachpresse regelmäßig in Bestenlisten der wichtigsten englischsprachigen Romane aufgenommen wird. 1975 folgte eine womöglich noch berühmtere Filmadaption, die Jahrzehnte später vom American Film Institute zu einem der 20 besten US-Filme der Geschichte gewählt wurde.

Wie schon die Romanvorlage, fand auch der „Einer flog über das Kuckucksnest“-Film schon zu seiner Zeit großen Anklang: Inszeniert von Miloš Forman, der später auch „Hair“ und „Amadeus“ drehte, und mit Jack Nicholson, Danny DeVito sowie Christopher Lloyd in tragenden Rollen, wurde der Film zu einem globalen Kassenschlager. Darüber hinaus gewann die einfühlsame Tragikomödie, die zu mehr Empathie aufruft, fünf Academy Awards, darunter als bester Film, für den besten Hauptdarsteller (Nicholson) sowie für die beste Hauptdarstellerin – Louise Fletcher in der Rolle der strengen Krankenschwester Ratched.

Ratched

Was „Ratched“ aus der Vorlage macht

Produzent Ryan Murphy kann durchaus aus seiner Haut. Die wahre Kriminalfälle nacherzählende Anthologieserie „American Crime Story“ etwa ist vergleichsweise nüchtern und rational, lässt vor allem in der ersten Staffel Murphys Markenzeichen kaum durchschimmern. Und „Hollywood“ lässt Murphys Tendenz zu Dramatik und Pathos völlig aus. Sie entwirft stattdessen das Hollywood der Nachkriegszeit mit den träumerischen Augen neu, mit denen einst das eskapistische US-Kino der Nachkriegszeit seine Gegenwart verklärte.

In „Ratched“ dagegen schaltet Murphy wieder in den vollen „American Horror Story“-Modus und lässt aus der Vorgeschichte der grantigen „Einer flog über das Kuckucksnest“-Krankenschwester eine Erzählung werden, die genauso gut in der populären FX-Anthologieserie zuhause wäre.

Die Geschichte von „Ratched“ beginnt im Jahr 1947, als ein junger Mann („American Horror Story“-Veteran Finn Wittrock) mehrere Priester brutal ermordet und anschließend in eine psychiatrische Anstalt gebracht wird. Kurz darauf stellt sich dort Mildred Ratched („American Horror Story“-Veteranin Sarah Paulson) als neue Krankenschwester vor. Innerhalb kürzester Zeit weitet sie mittels Intrigen, Täuschungen und allerlei doppelte Spiele ihren Einfluss aus und wird zu einem unerlässlichen Teil des Personals. Dabei ist ihr Umgang mit den Patienten äußerst sonderbar. Am Priesterkiller scheint sie besonders gesteigertes Interesse zu haben. Aber warum ..?

Erzählt wird dieses Mysterium mittels zahlreicher grausiger Gewaltspitzen, ständiger Plottwists und einer eisig-kalten Grundtonalität. Die Figuren sind allesamt extrem zugespitzt, drücken sich bevorzugt in exaltierten Monologen aus und definieren sich vollauf durch ihre (zumeist geheim gehegten) Ziele. Das ist so ziemlich exakt das, was von einer Ryan-Murphy-Serie voller Rätsel und mörderischer Figuren zu erwarten ist, aber auch ganz und gar nicht das, was man von einer „Einer flog über das Kuckucksnest“-Vorgeschichte erwarten würde.

© Saeed Adyani/Netflix 2020

Konsequente Ästhetik, eskalierender Inhalt

Schluckt man erst einmal die Pille, dass Murphys Vorgeschichte zu einer tragikomischen, empathischen und lebensnahen Geschichte ein stilisiertes Psycho-Thrillerdrama mit überhöht skizzierten Figuren ist, belohnt einen „Ratched“ mit einer bestechenden Ästhetik: Von Kamerafahrten durch spröde belichtete Landschaften, die Erinnerungen an Kubricks „Shining“ erwecken, über bildschöne, extrem dick die Persönlichkeiten der Figuren unterstreichende Kostüme, bis hin zu detailreichen Sets, die äußerst atmosphärisch ausgeleuchtet sind.

Wiederholt wird die Optik von der unterschwellig brodelnden Emotion einer Szene bestimmt, etwa, wenn ein klinisch-gleißend ausgeleuchteter Raum von einem ominös-diabolischen Rot erfüllt wird, während Ratched einem Patienten eine von Abscheu erfüllte Ansprache hält. Und die schrill-dramatische Hintergrundmusik könnte genauso gut von Bernard Herrmann für einen Hitchcock-Schocker geschrieben worden sein. In dieser angespannten Verpackung spielt Paulson gewohnt intensiv und einnehmend eine meisterliche Manipulatorin mit unterdrückten Sehnsüchten und tragischer Vergangenheit, die wiederholt moralische Grenzen überschreitet.

Doch während „Ratched“ anfangs diese Ästhetik mit einer wenngleich nicht originellen, so aber dennoch spannenden und dramatischen Erzählung über reale Grauen der 1940er unterfüttert (Homophobie, Rassismus, gewalttätige Behandlungsmethoden und völlige Empathielosigkeit sind wiederkehrende Themen), entgleist die erste „Ratched“-Staffel in der zweiten Hälfte.

Um euch nicht unnötig zu spoilern, wollen wir an dieser Stelle nicht zu konkret werden – aber was wir festhalten wollen und müssen: „Ratched“ verliert seine thematische Zurückhaltung und Zielstrebigkeit, indem sämtliche Kritik dieser Serie sowie ihrer Vorlagen an gefühlskalten bis boshaften Menschenbildern untergraben wird. Für den schnellen Schockeffekt steigert sich „Ratched“ in Darstellungen psychisch erkrankter Menschen als wandelnde, unkontrollierbare Gefahren für die Allgemeinheit hinein – eine sowieso überaus diskutable Entscheidung, umso mehr aber in einem „Einer flog über das Kuckucksnest“-Prequel.

Hinzu kommt ein genereller Mangel an erzählerischer Selbstkontrolle. So gehen die raren komödiantischen Sequenzen ermüdend lang und mehrfach werden beiläufig vermittelte Informationen über die Vergangenheit von Figuren kurz darauf in schwerfälligen, hölzernen Dialogen wiederholt – als würden die „Ratched“-Verantwortlichen ihrem Publikum lediglich das Erinnerungsvermögen eines Goldfisches zutrauen.

Fazit:

 „Ratched“ ist eine ästhetisch durchkomponierte Serie, die Psychothriller und Drama vereint und Ryan-Murphy-Fans auf stilistischer Ebene das bietet, was sie vor allem aus „American Horror Story“ kennen. Als Vorgeschichte von „Einer flog über das Kuckucksnest“ tut sich die Serie mit ihrem schaurigen Bild psychischer Erkrankungen allerdings überhaupt keinen Gefallen.

„Ratched“ ist ab dem 18. September 2020 via Netflix abrufbar.

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