Wir können nicht anders: Deutsche Krimi-Komödie neu bei Netflix

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Detlev Buck ist sicher einer der bekanntesten Regisseure Deutschlands, der auf eine sehr wechselhafte Karriere zurückblickt. Er begann als Indie-Filmer und ließ erstmals 1991 mit Karniggels aufhorchen, einem komödiantisch angehauchten Krimi-Plot in der norddeutschen Provinz. Obwohl er danach mit Hits wie Herr Lehmann oder Männerpension weiter Komödien drehte, entdeckte Buck 2007 mit dem großartigen Hände weg von Mississippi auch seine Liebe zum Kinderfilm - und drehte zwischen 2014 und 2017 gleich vier Bibi&Tina-Filme. Um sich dann mit dem harten Asphaltgorillas im ernsten Fach zu melden. Mit Wir können nicht anders ist er nun erneut im Karniggels-Bereich unterwegs - oder nicht?

wir können nicht anders

Die Handlung

Edda (Alli Neumann) hat es nicht geschafft: Nach fünf Jahren in Berlin muss sie einsehen, dass es mit der Musiker-Karriere nicht klappt - und macht sich mit einem kleinen Rollkoffer auf den Heimweg. Als sie in einer Kneipe Halt macht, lernt sie dort Sam (Kostja Ullmann) kennen, einen Junior-Professor für Literatur. Die zwei verstehen sich auf Anhieb und landen später im Bett - in Sams umgebauten Campingbus mitten in der Stadt. Am nächsten Morgen überredet Edda ihren neuen Freund, mit ihr gemeinsam in die Provinz zu fahren - zum Geburtstag ihres Vaters (Detlev Buck). Sam hält das frisch verliebt für eine gute Idee - doch es kommt anders.

Denn mitten im Wald - und kurz vor weiterem Sex - hört Sam Schreie aus dem Unterholz und besteht darauf nachzusehen, ob jemand Hilfe braucht. Edda rät ab, denn sie kennt die Leute hier. Doch Sam stapft durch den Wald und entdeckt schließlich eine Gruppe von Männern. Einer von ihnen kniet auf dem Boden, ein anderer hält dem ihm eine Pistole vor die Stirn. Sam kann nicht anders, als einzugreifen und dem potenziellen Killer von seiner Tat abzubringen - mit weitreichenden Folgen: Sam muss fliehen, trifft wenig später den jungen Mann wieder, den er gerettet hat, und tritt eine Odyssee durch die Provinz an, wie er sie nie erwartet hätte ...

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Skurriles Landvolk

Der Trailer legt nahe, dass es sich bei Wir können nicht anders um eine schwarze Komödie im Stil früher Tarantino-Filme handelt - und völlig falsch ist das auch nicht. Buck und sein Mitautor Martin Behnke schrieben reichlich skurrile Figuren in den Plot, ohne jedoch zu übertreiben. Der ganz eigene Charme der Provinz bleibt so erhalten und bei so gut wie jedem Charakter kann sich der Zuschauer vorstellen, so einen oder doch sehr ähnlichen Typen tatsächlich auf dem platten Land antreffen zu können. Und diese ganzen Nebenfiguren sind es denn auch, die den Film trotz einer nur mäßig spannenden Handlung sehenswert machen. Und die Schauspieler, die sie verkörpern.

So ist der ohnehin meist großartige Peter Kurth als Hausmeister einer verlassenen Fabrik, stilecht mit Bademantel, Gummistiefeln und einer AK-47 am Start, einfach zum Niederknien. Ebenso wie Frederik Lindemann als Frank, ein vom Landleben zutiefst frustrierten Polizisten, der Edda eigentlich bei der Suche nach Sam helfen soll, aber schnell seinen Erinnerungen an früher und Eddas weiblichen Reizen erliegt - obwohl sie die gar nicht einsetzt. Oder Bernd (Steffen Scheumann), der seit dem Tod seiner Frau mit Katze und reichlich Schnaps die Tage zubringt - und sich auch ganz sicher ist, mit einem guten Gespräch - und Schnaps - jedes Problem lösen zu können.

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Mehr Komödie als Krimi

Was Buck dabei auszeichnet ist die liebevolle Zeichnung dieser Figuren. Er nutzt sie zwar für witzige Momente, macht die Charaktere aber nie bis ins Mark lächerlich, sondern amüsiert sich eher mit dem Zuschauer über ihre kleinen und großen Eigenheiten und Marotten. Wenn Dorfganove Hermann (Sascha Gersak) seinem Handlanger Norbert (Karsten Mielke) befiehlt, einen Mann zu verprügeln, tut das Norberts zarter Seele fast mehr weh als dem Opfer - das ist manchmal wirklich großes Kino. Aber eben nur manchmal. Denn das Tarantino-typische Kippen aus einem witzigen Moment in einen blutigen, gewalttätigen Alptraum, das ist Bucks Sache nicht. 

Zwar sind ein paar Szenen im Film enthalten, in denen er sich an genau solchen Momenten versucht, aber die Intensität des Originals erreicht er nicht. Dazu bleibt Wir können nicht anders letztlich zu harmlos. Selbst wenn es sich nicht immer als berechtigt erweist, hat der Zuschauer nie wirklich Angst um eine der Figuren im Film und das kostet Spannung. Die Krimi-Handlung verdichtet sich nie zu einem wirklich packenden Stoff. Als guter Vergleich mag hier Fargo von den Coen-Brothers dienen: Deren zwar immer wieder skurril-witzige, aber trotzdem zum Teil eiskalte und fiese Story fehlt Wir können nicht anders völlig. Dazu sind selbst die Schurken noch zu sympathisch oder schlicht zu lustig.

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Selbst wenn Buck im Finale ein unerwartet galliger Abgang gelingt, im Gedächtnis bleiben andere Szenen. Wenn beispielsweise Buck selbst als gehbehinderter Bürgermeister dem Dorfgangster zwischen Schnaps und Schnittchen schnell mal eben noch schlechte Nachrichten serviert, dann ist dieses Fest eine Szene, die einem Zuschauer noch nach Jahren einfällt, wenn er an Wir können nicht anders denkt. Obwohl die Komödie besser funktioniert als das Drama - ein Schenkelklopfer ist der Film nicht. Bucks Humor ist leise und manchmal subtil und er verzichtet immer auf platte Pointen.

Fazit:

Mit den großen Vorbildern wie True Romance, Jackie Brown oder Fargo kann Wir können nicht anders nicht konkurrieren, dazu fehlt Regisseur Detlev Buck offenbar das Talent fürs abgründig Böse. Aber die skurrilen Figuren, die kauzigen Dialoge und eine wunderbare Schauspieler-Auswahl bei den entscheidenden Nebenrollen - das kann Buck richtig gut. Und so ist der Film trotz seiner Mängel im Krimiteil ansehnlich geworden, wenn auch kein ganz großer Wurf des bekannten Regisseurs.

Wir können nicht anders startet am 4. Dezember 2020 bei Netflix.

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Wertung

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