Moonshine: Vom Schwarzgebrannten zum Modegetränk

In der US-Prohibition war Moonshine eine Notlösung, um an Alkoholgenuss zu gelangen. Heute ist es eine Modespirituose. Aber was steckt dahinter? | Spiele.de
In der US-Prohibition war Moonshine eine Notlösung, um an Alkoholgenuss zu gelangen. Heute ist es eine Modespirituose. Aber was steckt dahinter?
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Mitten in Köln gibt es einen Laden, in dem sich die Einmachgläser stapeln. In ihnen: Moonshine, ein hochprozentiges Getränk, dessen Name an die Zeit der Prohibition anknüpft und das in jüngerer Zeit durch gezielte Vermarktung versucht, sich als hip und nostalgisch zugleich darzustellen. Der Werbespruch des kleinen Moonshine-Ladens ruft dazu auf, man solle seinen inneren Rebellen wecken. Doch markante Schilder im Schaufenster mahnen deutlich prominenter: „Schnaps! Kein Honig!“

Dieser gedruckte Aufruf bleibt nicht bloß in Erinnerung. Er ist notwendig: Immer wieder gehen Leute in den Shop, steuern zielstrebig die Theke mit Probierportionen an und schnappen dann schockiert nach Luft, weil sie sich keinen Nuss-Honig oder Beeren-Honig in die Kehle gekippt haben, sondern … Schnaps. Hätten sie halt das Schild beachtet. Oder den 'spiele.de'-Artikel darüber gelesen, was denn Moonshine überhaupt ist …

Moonshine

Woher stammt Moonshine?

Der Begriff Moonshine entstammt der Zeit des strikten Alkoholverbots während der Prohibition in den USA. In den Jahren 1919 bis 1933 trieben die harten Gesetze gegen das Herstellen, Verkaufen und Konsumieren von Alkohol die Menschen in den Staaten dazu, kreativ zu werden: Der Schmuggel mit Alkohol florierte, es entstanden sogenannte „Speakeasys“, also geheime Clubs und Kneipen – und sowohl das Schwarzbrennen von Alkohol für den Eigenbedarf als auch der nachbarschaftliche Handel mit Schwarzgebranntem boomten.

Hergestellt wurde Moonshine zumeist mittels portabler Brennblasen, um sicherzugehen, dass man seine Gerätschaft wieder schnell abbauen kann, sollten Petzen oder gar Gesetzeshüter auftauchen. Aus ähnlichem Grund verbreitete sich auch rasch die Tradition, den schwarzgebrannten Alkohol in Einmachgläsern abzufüllen, die sonst für Obst und Gemüse genutzt wurden:

Allein schon der Kauf leerer Flaschen galt damals als verdächtig – leere Einmachgläser hingegen nicht. Und die brachten zudem den Vorteil mit sich, dass man sie gut zwischen seinen sonstigen Vorräten verstecken kann. Aus der Prohibition stammt auch der Spitzname für Schwarzgebranntes: Der Moonshine entstand zumeist nachts, wenn allein der Mondschein Zeuge spielte.


Moonshine

Aus Illegalität mach Marketing

Zunächst: Es gibt noch heute Moonshine im altmodischen Sinne. So gibt es weiterhin in den USA Landkreise mit sehr restriktiven Gesetzen bezüglich des Verkaufs, Ausschanks und Transports von Alkohol. Faszinierend: Eines dieser sogenannten „Dry Counties“ ist ausgerechnet die Gegend rund um Lynchburg, Tennessee – also dem Hauptsitz der Whiskey-Marke Jack Daniel's. In solchen Gegenden, sowie in Ländern mit sehr hohen Alkoholsteuern, wird weiterhin auf ähnliche Weise schwarzgebrannt wie zu den Zeiten, als der Begriff Moonshine geprägt wurde.

Doch um diesen Moonshine soll es hier nicht gehen – sondern um legal erhältliches Hochprozentiges, das seit einigen Jahren mit seiner altmodischen Aufmachung und seinen rustikalen und/oder rebellischen Werbebotschaften um einen prominenten Platz auf dem Spirituosenmarkt buhlt. Aber eines wird dabei schnell klar: Anders als Rum, Gin oder Whiskey ist der moderne Moonshine sehr schwammig definiert.

© Ole Smoky

Mais, Weizen, ganz egal

Also, was ist er denn nun, der Moonshine, der ganz legal, professionell sowie bei Tag und bei Nacht hergestellt wird, statt illegal, klammheimlich und behelfsmäßig im Mondschein? Die grobe Gemeinsamkeit ist, dass unter Moonshine vergorene Getreidemaische verstanden wird – doch allein schon bei der Frage, welche Getreidesorten genutzt werden, gehen die aktuell auf dem Markt ihre Muskeln spielen lassenden Marken weit auseinander.

Viele der US-Hersteller nutzen für ihren Moonshine eine Getreidemischung, in der Mais den dominierenden Anteil hat, die mit Hefe versetzt fermentiert und anschließend destilliert wird. Somit verkaufen einige der bekannteren US-Marken das Produkt als Moonshine, das üblicherweise einen Zwischenschritt in der Herstellung zu Bourbon Whiskey darstellt, da es dem Moonshine noch an der Fassreife mangelt.

Allerdings gibt es auch Moonshines, die aus Roggen, Gerste und/oder Weizen gewonnen werden und somit mit dem typisch deutschen Kornbrand verwandt sind – oder sogar schlichtweg nichts weiteres als auffälliger vermarkteten Kornbrand darstellen. Und wieder andere Moonshines stellen Fruchtlikör auf Kornbasis dar – gemeinsam haben aber praktisch alle geläufigen Moonshines, dass sie klar (statt trübe) sind und einen scharfen alkoholischen Biss im Abgang aufweisen. Das liegt unter anderem daran, dass der grundlegende, hochprozentige Getreideschnaps nicht weiter gereift ist.

Zudem haben praktisch alle Moonshines gemeinsam, dass sie in bäuerlich-altertümlicher Aufmachung vertrieben werden – bevorzugt in „Mason Jars“, also Einmachgläsern. Zwei der größeren Moonshine-Marken wollen wir dir nun vorstellen.


Ole Smoky

Ole Smoky: Der unfertige Bourbon

Die in Deutschland wohl am weitesten etablierte US-Marke für Moonshine ist Ole Smoky. Sie nimmt die bescheidenen Anfänge des Begriffs und will die Spirituose mit Ansage in den Premium-Sektor überführen. Der Preis ist also nicht gerade schmal – geliefert wird dafür eine rustikale Whiskey-Vorstufe: Ole Smoky wird vornehmlich aus Mais der Region in East Tennessee gewonnen: 80 Prozent der Maische setzen sich hieraus zusammen; die restlichen 20 Prozent werden als Geheimrezept bezeichnet.

Der Standard-Moonshine von Ole Smoky ist ein Whiskey ohne Reifelagerung und somit eine farblose Spirituose mit einem hohen Alkoholgehalt. Es gibt zudem zahlreiche Ole-Smoky-Sorten, die ausgefallenere Zutaten in den „halbgaren Bourbon“ mischen, um beispielsweise Apfelkuchen- oder Butter-Geschmack zu erzielen. Außerdem bietet Ole Smoky einen Blend an, der zwei bis vier Monate in angekokelten Eichenfässern lagert und einen Hybrid aus Moonshine und fassgelagertem Whiskey darstellt – quasi für alle, die sich nicht entscheiden wollen.

O'Donnell

O'Donnell: Altes US-Feeling, Made in Germany

Eine weitere Moonshine-Marke, die mit großem Eifer in den Spirituosenmarkt drängt, ist O'Donnell – und die begeht doppeltes Spiel mit ihrer Identität: Hinter der Aufmachung im Stil ländlicher Gegenden während der US-Prohibition verbirgt sich nämlich ein deutsches Unternehmen. O'Donnell wird von der Bundeshauptstadt Berlin aus verkauft und vermarktet. Ihren Ursprung hat die Marke, ganz stilecht, in einer Badewanne: Die Firmengründer August Ullrich und Philip Morsink stellten einst in ihrem WG-Badezimmer Schnäpse für Freunde her.

Die kamen offensichtlich sehr gut an – aus dem Zwei-Mann-Unterfangen rund um Selbstgebrannten wurde nunmehr ein über zwei Dutzend Köpfe großes Unternehmen. Der Standard-Moonshine von O'Donnell ist übrigens (im Gegensatz zu den meisten US-Marken) ein klassischer, urdeutscher Weizen-Kornbrand. Allerdings ist das größere Standbein der Marke ihre facettenreiche, bunte Auswahl an etwas milderen (und doch weiterhin deftigen) Likören auf Kornbrand-Basis – von Nuss über Toffee bis hin zu Beere oder Rose.


Portionierer

Auch zum Mixen

Wem Moonshines zu mächtig sind und zu sehr nachbrennen, aber trotzdem am Trend teilhaben will: Moonshine eignet sich auch hervorragend, um Cocktails zu mischen. Wichtig ist jedoch: Aufgrund der sehr großen Öffnungen der „Mason Jars“ der meisten Moonshines eignen sich die üblichen Behältnisse nicht, um den Moonshine daraus auch wirklich unfallfrei auszugießen – Kleckerei ist vorprogrammiert.

Um einen Moonshine teilen oder gut portioniert ausschütten zu können, braucht man daher einen extra Portionierer. Viele Moonshine-Hersteller verkaufen die als spezielles Zubehör, das auf ihre „Einmachgläser“ passt. Da diese Portionierer leider oft billig verarbeitet sind und schon nach kurzem Gebrauch undicht werden, kann das sehr frustrierend werden. Aber ohne Hilfsmittel aus einem „Mason Jar“ einen Shot auszugießen, ist noch lästiger. Das kommt davon, wenn man aus einem notgedrungenen Mittel zum beschwipsten Zweck eine trendbestimmte Tugend macht …
 

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