Die Entstehung des Puzzle-Spiels

Was John Spilsbury und Ulrich Voigt mit dem Spiele-Trend zu tun haben. | Spiele.de
Was John Spilsbury und Ulrich Voigt mit dem Spiele-Trend zu tun haben. © Ravensburger AG
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Deutlich mehr Zeit daheim verbrachten die Deutschen im Jahr 2020 – somit stand plötzlich viel mehr Raum für Aktivitäten in den eigenen vier Wänden zur Verfügung. Und mehr Ruhe. Ein Spiel, für das man sowohl Raum als auch Ruhe braucht, ist das Puzzeln. Über Jahrhunderte hinweg, vielleicht sogar über Jahrtausende, sind Menschen von dieser Beschäftigung begeistert.

Das Puzzle hat eine derart lange Geschichte, dass selbst die besten Historiker nicht genau sagen können, wer, wann und wo das Spiel einst erfunden wurde. Teils scheitert es schlicht an fehlenden Aufzeichnungen, teils aber auch an Definitionen. Gehört etwas das Zusammenlegen und -bauen von Mosaiken, auch schon dazu? Insofern ist es eher überliefert, wer das Puzzle zur ‚massentauglichen‘ Freizeitbeschäftigung gemacht hat: Der Brite John Spilsbury begann 1763 damit, Landkarten zu zerschneiden, die Schnipsel auf Holz zu kleben und dies als Ratespiel zu verkaufen. In den Jahren um 1763 befand sich die Welt im Wandel, mehr als früher waren die Menschen in der Lage zu reisen und somit ihre Umgebung zu erkunden. Anfangs waren die Puzzle so teuer, dass sich nur die gehobene Schicht Englands den Spaß leisten konnte.

2020 wird geschätzt, dass die Spieleindustrie an solchen und ähnlichen Knobelspielen um die 750 Millionen Euro alleine in Europa verdient hat. Wie zu erwarten war, sind die Umsätze somit stärker gestiegen als in den Jahren zuvor. Bis es dazu kam, musste das Puzzle aber noch einige Entwicklungen durchmachen. Sein Vater, also Spilsbury, erlebte den 30. Geburtstag nicht, so war es also an anderen Geschäftsleuten, die Verbreitung dieses Spiels voranzutreiben.

Immer ein Zeitzeugnis

Das passierte auch, dabei wurde von Jahr zu Jahr klarer, dass Puzzles auch immer ein Abbild der aktuellen Gesellschaft sind. Nachdem es zunächst geografische Karten waren, die zusammengepuzzelt werden sollten, folgten Kunstobjekte, die abgedruckt wurden. Ab Mitte des 19. Jahrhunderts floss auch mehr Blut auf den Bildern – Kriegssymbole waren vermehrt zu sehen. Eine Folge der diversen Revolutionen in Europa. Später folgte eine Gegenbewegung mit spielenden Kindern. Auch die Produktion entwickelte sich weiter. Mittlerweile in Amerika angekommen, wurden die Bilder nicht mehr auf Holz, sondern auf Holzfaserplatten gedruckt. Ende des 19. Jahrhunderts sollen die ersten Puzzle dann letztlich auf Pappe entstanden sein, erklären Historiker.

Bildquelle: Ravensburger AG

Eine regelrechte Puzzlewelle gab es schließlich zu Beginn des 20. Jahrhunderts, also einige Jahre vor dem ersten Weltkrieg – hauptsächlich spielten damals übrigens Frauen. Männer standen der Beschäftigung ihrer Damen – freundlich gesagt – eher skeptisch gegenüber. Überliefert sind Aussagen, dass das Spiel „sehr simpel“ sei und man es gar nicht verstehen könnte, wieso man so lange dafür brauche, ein Symbol zusammenzulegen. Getätigt wurden diese Sätze natürlich bevor die Herren wirklich mal ins Spielgeschehen eingriffen. Deutschland war zu dieser Zeit echter Vorreiter in der Herstellung von Puzzles – bis zum Jahr 1915, als der Krieg losbrach und die Menschen keine Zeit mehr für solche Problemstellungen hatten. Auch in den 20er Jahren erholte sich das Puzzle nicht wirklich, erst die 30er Jahre, die weltweit von Arbeitslosigkeit geprägt waren, riefen das Legespiel wieder auf den Plan. Puzzles selbst herzustellen und um die Ecke zu verkaufen, schien einigen Amerikanern  ein guter Verdienst zu sein. Allein über 3000 Hersteller soll es damals gegeben haben – abseits derer, die das in ihrer Heimmanufaktor fertigten. Puzzles waren entsprechend günstig geworden und brauchten eine Beschäftigung – auch hier begünstigte der schlechte Arbeitsmarkt also den Siegesszug des Spiels.

Mitte der 30er Jahre bekam das Puzzle aber mehr und mehr Konkurrenz, andere Brettspiele kamen auf den Markt. Die Puzzle-Welle ebbte erst einmal ab, der Zweite Weltkrieg tat sein Übriges dazu.

Letztlich dauerte es bis in die 60er Jahre, ehe gerade die Internationalisierung und Werbegeschenke einer großen Fast-Food-Kette (nämlich Puzzles) auf diesen alten Trend zurückgriff. 1964 war es dann auch, dass der heute bekannteste Puzzlehersteller diesen Markt betrat: Die schwäbische Firma Ravensburger. Es war auch für den Hersteller „mit der blauen Ecke“ eine Goldgrube. Experten sehen in Ravensburger Legespielen die hochwertigsten und bekanntesten – 2019 hat das Unternehmen nach eigenen Angaben 524 Millionen Euro umgesetzt – ein Plus von fast sieben Prozent gegenüber 2019. Die Ravensburger meinte man schon damals, in der Bevölkerung einen Trend zu „haptischem Spielen, Entschleunigung und Entspannung“ zu erkennen.

Bildquelle: Ravensburger AG

Nix mit Entspannung!

Während das Puzzeln vielen in der Tat als entspannendes Hobby dient, gibt es aber durchaus Profis, die sich im Schnell-Puzzeln mit anderen messen wollen. Dass diese Wettbewerbe hierzulande eher unbekannt sind, dürfte historischen Ursprungs sein. Denn: In der Teamwertung spielte die Bundesrepublik zunächst kaum eine Rolle. Ab der Entstehung der World Puzzle Championships 1992 teilten sich immer die USA und Tschechien den Weltmeistertitel untereinander auf. 2002 war es erstmals Japan, das den Titel gewann, 2003 dann aber Deutschland. Darauf folgten für die BRD noch sieben weitere WM-Titel (zuletzt 2018). In der Einzelwertung ist Ulrich Voigt Deutschlands bekanntester Legespieler: Er gewann elf WM-Titel, letztmals 2016. 2019 sicherte sich dann als Voigts indirekter Nachfolger mit Philipp Weiss erstmals ein anderer Deutscher den ersten Rang in der Einzelwertung. In diesem Jahr wurden die World Puzzle Championships erstmals in Deutschland, nämlich im hessischen Kirchheim ausgetragen.

Conclusio

Die Rätselleidenschaft ist vermutlich so alt wie die Menschheit selbst. Egal ob echtes Puzzle oder Mosaike – zusammengelegt wird seit je her. Dabei sind Puzzle immer ein Abbild der Zeit, von romantisch bis brutal. Von herzerwärmend bis kitschig. Und in jedem Fall eine schöne, weil auch sinnvolle und befriedigende, Beschäftigung daheim. 

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