Die neue Phantomias-Saga: Kein Kinderkram!

Donald Duck mal ganz anders: In der Saga rund um „den neuen Phantomias“ teilt der Matrosenmützenträger gegen Aliens und Zeitreisende aus. | Spiele.de
Donald Duck mal ganz anders: In der Saga rund um „den neuen Phantomias“ teilt der Matrosenmützenträger gegen Aliens und Zeitreisende aus. © Disney / Egmont Ehapa
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Ein Zeitreisender will eine viele Tote nach sich ziehende Explosion abwenden, doch die Polizisten der Zeitbehörde möchten nicht, dass dieses vorbestimmte Ereignis verhindert wird. Egal, wie schrecklich es ist. Ein idealistischer, aber kompromissfeindlicher Wissenschaftler will die zugebaute Westküste eines Kontinents zerstören, um unberührtes Land freizulegen und der Menschheit einen ökologischen Neustart zu schenken. Selbst, wenn es Millionen von Leben kostet … Wer setzt sich mit diesen Dilemmata auseinander? Donald Duck.

Eine Rasse Außerirdischer, die die Emotionen und Lebensenergie ihrer Opfer aussaugt, nimmt die Erde als nächstes Ziel ins Visier – und das Militär kooperiert willentlich mit ihnen. Zu den wenigen Widerstandskämpfern gehört … Donald Duck. Eine Androidin verliert den Lebenswillen und stürzt sich in den Tod. Als sich Techniker anschicken, sie zu reparieren, redet es ihnen jemand aus. Nämlich … Donald Duck.

Das klingt für Uneingeweihte womöglich wie die Zusammenfassung finsterer Fanfiction, die nichts mit echten Disney-Comics zu tun hat. Aber wer in den späten 1990ern ein bestimmtes, in Deutschland sehr nischiges monatliches Disney-Magazin gekauft hat, oder jetzt zur treuen Leserschaft des edel aufgemachten „LTB Premium“ gehört, weiß, was Sache ist. Diese dramatischen, moralisch komplexen Disney-Comicgeschichten existieren. Und sie sind außerordentlich gut. Die Rede ist von der in Italien erfundenen Comicsaga „Paperinik New Adventures“, oder wie sie hierzulande getauft wurde: „Der neue Phantomias“.

© Disney / Egmont Ehapa

Vom Pechvogel zum Rächer zum sanften Helden zum „neuen Phantomias“

Dass sich Donald Duck in Maske und Umhang kleidet, um als Teilzeiträcher und Superheld Phantomias durch die Nacht zu springen, ist seit 1969 Teil des Disney-Comic-Kanons aus Italien. Erdacht wurde das Alter Ego des zornigen Erpels, weil vielfach der Wunsch geäußert wurde, Donald doch mal auf der Siegerseite zu sehen. Also bekam er eine Geheimidentität, die ihm half, sich an Peinigern zu rächen oder Diebe in die Flucht zu schlagen. Phantomias erfreute sich großer Beliebtheit – bis diese Popularität in den frühen 1990er-Jahren kurzzeitig abnahm.

Bei Disney Italia erkannte man, dass die einst sehr forsche Figur zuletzt zu zahm wurde – und dachte sich daher, dass es an der Zeit sei, Phantomias endlich in eine Superwelt zu hieven, die sich neben die an Jugendliche und junge Erwachsene orientierenden Marvel- und DC-Reihen gesellen kann.

Eine Truppe von italienischen Disney-Comicschaffenden, die damals als junge Wilde den Status quo hinterfragten, nahm sich diesem Gedanken an. Und so erschufen Claudio Sciarrone, Alessandro Barbucci und Silvia Ziche sowie die Autoren Tito Faraci und Francesco Artibani ein futuristisch angehauchtes Entenhausen, in dem fortlaufende Geschichten mit immensen Bedrohungen und fahrigen moralischen Dilemmata erzählt werden.

Donalds Alter Ego Phantomias tauscht in „Paperinik New Adventures“ seine wie kindische Wasserpistolen gestalteten Waffen und seine Sprungfeder-Stiefel gegen einen Transformerschild und berät sich nicht weiter mit dem kauzigen Erfinder Daniel Düsentrieb, sondern mit der Künstlichen Intelligenz Eins, die im Laufe der Saga erst noch Empathie lernen muss. Die Comics sind reich an Action, die teils ordentliche Blessuren beim Titelhelden hinterlassen, und Donald alias Phantomias ackert sich mit großem Sarkasmus und viel Galgenhumor durch die vielen Situationen, die weit schwerwiegender sind als alles, was er von früher gewohnt ist.

Dieser Humor ist sehr schnippisch geschrieben – und lässt zugleich weiter durchschimmern, dass sich hier ein Pechvogel und Faulpelz in Kämpfe stürzt, die er lieber Anderen überlassen würde. Würden sich doch nur Andere finden, die diese Kämpfe zu schlagen wüssten. Doch weil es halt sonst niemand übernimmt, löffelt halt Donald Duck ebenso emsig wie augenrollend für uns alle die Suppe aus.

© Disney / Egmont Ehapa

Anfangs ordentlich am Markt vorbei gebrettert

In Deutschland startete der Verlag Ehapa 1996, nur kurze Zeit nach dem Debüt in Italien, den ersten Versuch, diese Comicreihe ans Publikum heranzutragen. Als monatliche Heftreihe in etwas edlerer Aufmachung, aber ähnlichem Format wie das altbekannte „Micky Maus Magazin“, bekam es eine Aufmachung verpasst, die wie ein Hybrid aus klassischen Disney-Heftchen und den Superheldenheften von DC und Marvel anmutete. So weit, so gut. Aber die Saga startete in Deutschland direkt mit einem gigantischen Problem:

Die allererste Geschichte, die erklärt, weshalb Donald Duck nun in einem 151 Stockwerke hohen Wolkenkratzer lebt, mit einer Künstlichen Intelligenz befreundet ist, keinen Kontakt mehr zu seinen Neffen und alten Weggefährten hat, und in der Gestalt von Phantomias nicht etwa Diebe, sondern Killer-Aliens und Diebe aus der Zukunft jagt, wurde ausgelassen. Anspielungen auf „kürzliche Ereignisse“ wirkten nicht wie ausgereifte, innere Kontinuität, sondern wie schlechtes Geschichtenerzählen.

Jahre später wurden „lizenzrechtliche Schwierigkeiten“ als Grund dafür öffentlich gemacht, der Schaden ließ sich aber nicht rückgängig machen: Im deutschen Disney-Comicmarkt, der sich Mitte der 1990er-Jahre noch weniger um Erwachsene bemühte als heute, und für den „PkNA“ somit eh ein schwer zu positionierendes Projekt darstellte, wurde diese Reihe so gestartet, dass sich beim Publikum die Fragezeichen nur so stapelten. Nach bloß neun Heften gab der Verlag die Reihe auf. Vorerst.

1999 folgte ein zweiter Anlauf – mit weniger Inhalt pro Ausgabe, aber zu einem höheren Preis. Die Ursprungsgeschichte der Saga wurde streng limitiert nachgereicht. In Schwarz und Weiß. Und nicht etwa zu Beginn dieses erneuten Versuchs, sondern zu einem späteren Zeitpunkt. Wer braucht schon eine chronologische Veröffentlichung bei einer kontinuierlich erzählten, eng verwobenen Geschichte? Mehr Leute, als dem Verlag damals wohl lieb war: Erneut spielten nur wenige Menschen dieses Spiel mit – nach insgesamt 15 Bänden war mangels Erfolg Schluss.

© Disney / Egmont Ehapa

Das Taschenbuchformat eilt zur Rettung

Am 1. März 2012 gelang es dem futuristischen, verwegenen Phantomias endlich, seine Pechsträhne in Deutschland zu überwinden: Unter dem Titel „Der neue Phantomias“ wurde ihm der zweite Band der hochpreisigen, gezielt an ältere Disney-Fans vermarkteten Reihe „LTB Premium“ gewidmet. Darin wurden erneut die Geschichten abgedruckt, die den Grundstein dieser Saga darstellen und die relevantesten Gegner sowie Unterstützer des Helden im Cape einführen – inklusive des zuvor so sagenumwobenen, erst ausgelassenen, dann limitierten „Band 0“. Dieses Mal sogar in Farbe!

Seither sind die „PkNA“-Chroniken fester Bestandteil der Premium-Reihe unter dem „Lustiges Taschenbuch“-Banner. Die Bände vier und sieben folgten mit einer Kombination aus chronologischen Nachdrucken bereits veröffentlichter Hauptgeschichten und deutschen Erstveröffentlichungen pointierter Kurzgeschichten, die die Nebenfiguren der Saga vertiefen. „LTB Premium 9“ belohnte im Oktober 2015 geduldige Fans des neuen Phantomias endlich mit seit vielen Jahren herbei ersehnten, deutschen Erstveröffentlichungen langer Geschichten aus dem zentralen Handlungsstrang.

In den „LTB Premium“-Ausgaben elf, 14, 16, 18, 20, 23 und 25 ging die Saga auf zunehmend komplexere Weise weiter, mit lang im Voraus geleistetem Foreshadowing, weit zurückreichenden Kontinuitätsrückgriffen und einer steigenden Schlagzahl an Comics, die entweder sehr actionreich sind oder sehr dramatische, verschachtelte Plots erzählen. Donald alias Phantomias stellt sich Robo-Auftragskillern, begegnet Aliensöldnern und entwickelt ein ihn immens beißendes, schlechtes Gewissen für Dinge, die er seit Jahrzehnten in seinen klassischen Spaßgeschichten tut. Die Zeitreisegeschichten werden immer verzahnter – und nach dem tragischen Ausgang der Reise einer peppigen Nebenfigur sowie nach einer „Predator“-Parodie findet die Sage in Band 25 einen esoterischen Quasi-Abschluss.

Quasi-Abschluss daher, weil „PkNA“ in Italien so beliebt und erfolgreich war, dass die dortige Disney-Dependence die Reihe fortführte – erst mit einer 18-teiligen Comicsaga, die unmittelbar nach den „PkNA“-Comics spielt, aber zunehmend auf Mystery, charakterbezogene Dramatik und grau-graue Moralität, statt auf Action setzt. Diese Sequel-Saga feierte in Deutschland im August 2020 in „LTB Premium 27“, 19 Jahre nach ihrem Debüt in Italien, ihre Premiere. 

© Disney / Egmont Ehapa

Es ist noch lange nicht Schluss!

Mit Witz, Emotion, Action und Dramatik sind die „PkNA“-Geschichte richtige Juwelen im Disney-Comictresor, und da die Ursprungssaga in Deutschland endlich komplett erschienen ist, ist nun der perfekte Zeitpunkt gekommen, sich in sie hineinzustürzen. Beim „Binge Reading“ entwickelt die Reihe eine noch größere Sogkraft als bei einer über viele, viele Monate hinweg erfolgten Veröffentlichung, werden so durch die Charakterbögen erst richtig deutlich.

Und es ist schon für viel, viel Nachschub gesorgt. In Italien wurde vor wenigen Jahren ein neuer Handlungsstrang rund um den schnippische Sprüche klopfenden, sich durch explosive Auseinandersetzungen wuselnden Erpel mit Maske aufgenommen. Während Comic-Deutschland sich also gerade in die dramatische Zwischenphase des neuen Phantomias begeben hat, arbeitet Italien munter weiter an der Zukunft des futuristischen Phantomias.

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