Risiko in Westeros: „Game of Thrones“ zum Nachspielen

"Der Eiserne Thron": "Game of Thrones" als das bessere "Risiko". | Spiele.de
"Der Eiserne Thron": "Game of Thrones" als das bessere "Risiko". © Heidelberger Spieleverlag
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Das Spiel der Throne wurde durchgespielt – wenigstens auf dem Fernsehbildschirm: Etwa eineinhalb Jahre sind nun vergangen, seit das HBO-Fantasyepos „Game of Thrones“ sein Ende fand. Die achte und abschließende „Game of Thrones“-Staffel stellte zahlreiche Abrufrekorde auf, doch die inhaltliche Rezeption war im Vergleich zu den vorherigen Seasons äußerst ernüchternd: Holten die Staffeln eins bis sieben jeweils mindestens 90 Prozent bei Rottentomatoes, krachte die achte Runde auf 55 Prozent. Es wurde zahlreiche Fanpetitionen erstellt, die großem Frust über den Ausgang der Serie Luft machten – und auch einige der Cast-Mitglieder waren unzufrieden. Insbesondere Emilia Clarke hielt mit ihrer Verärgerung nicht hinter dem Berg.

Doch niemand ist gezwungen, als letzte Erinnerung an das „Game of Thrones“ die von den Serienmachern David Benioff und D. B. Weiss gewählte Auflösung der Clankonflikte in Westeros zu behalten. Wenn ihr also zurück nach Westeros wollt, um einen anderen Ausgang der Geschichte zu erleben, und das immer und immer wieder, noch dazu gemeinsam mit Freunden … Für den Fall haben wir einen Tipp: Das Strategie-Brettspiel „Der Eiserne Thron“ von Christian T. Petersen.

Das Spiel basiert auf George R. R. Martins Romanen der „Das Lied von Eis und Feuer“-Saga und erschien 2004 erstmals in Deutschland, also sieben Jahre vor Beginn der ebenfalls auf die Romane Bezug nehmenden „Game of Thrones“-Serie. Obwohl „Der Eiserne Thron“ ein mehrfach prämiertes Brettspiel ist, das sich auch eine emsige Fanbase erarbeitete, ist der Titel aus dem Heidelberger Spieleverlag noch immer ein Geheimtipp. Ein Jammer, wie wir von 'Spiele.de' finden.

Denn neben des ansprechenden „Game of Thrones“-Bezugs bietet das Spiel vor allem ausgeklügelte Spielmechaniken, die Stunden über Stunden an Spaß und Spannung bereiten – und „Der Eiserne Thron“ sogar zur besseren Alternative zu „Risiko“ machen!

Der Eiserne Thron

„Der Mann, der ein Urteil fällt, soll auch das Schwert führen“

„Der Eiserne Thron“ setzt da an, wo auch Martins Romane und die HBO-Erfolgsserie beginnen: Der Eiserne Thron ist vakant geworden, doch die Thronfolge von Westeros bleibt ungeklärt. Die Spielerinnen und Spieler suchen sich einen Clan aus, den sie verkörpern wollen, und beginnen das Spiel somit mit jeweils vorgegebenen Ländereien und Truppen. Manche Clans sind in der Seefahrt versiert und haben viele Schiffe, die weite Transportwege gestatten, starten den Kampf um den Thron aber mit einem Zwei-Fronten-Krieg. Andere kontrollieren weites Land und müssen sich anfangs nur um eine Front kümmern – haben aber wenig Versorgung und können ihre Truppen daher nur langsam ausbauen.

Ziel des Spiel ist es, durch Planungsgeschick, zweckdienlich geführte Diplomatie, vorausschauendes Handeln und klug erteilte Kampfbefehle das eigene Heimatgebiet auszuweiten. Das Spiel endet entweder, wenn es einem Clan gelingt, sieben Festungen zu erobern, oder automatisch nach zehn Runden. Diese Spielmechanik verhindert ätzend-ausgedehnte Spielmarathons, wie sie unter anderem beim Strategieklassiker „Risiko“ vorkommen können, und krönt den Clan zum Sieger, der am Ende des Spiels die Oberhand im Kampf um Macht und Ländereien hat.

Der Sichtschutz gestattet heimliches Taktieren - und erinnert euch an eure Optionen

Viele, jedoch intuitive Mechanismen

Strategie-Brettspiel-Erfahrene wird es nicht zwingend abschrecken, dennoch muss es an dieser Stelle vermerkt werden: Das Regelwerk von „Der Eiserne Thron“ ist nicht gerade schlank. Auf satten 32 Seiten erklärt die Spielanleitung den Aufbau des Bretts, die anfängliche Verteilung der Truppen auf die einzelnen, mit unterschiedlichen Stärken und Schwächen ins Spiel tretenden Parteien, den Ablauf regulärer Runden, den Ablauf von Kämpfen, wann es zu besonderen Ereignissen kommt, und wie diese über die Bühne gebracht werden.

Daher an dieser Stelle ein ernst gemeinter, dringlicher Hinweis von 'Spiele.de': Solltet ihr euch „Der Eiserne Thron“ neu anschaffen oder es mit Neulingen spielen, empfiehlt es sich sehr, das an einem Tag zu machen, an dem ihr genug Zeit für zwei Partien habt. Vor allem, wenn an der Runde nicht ausschließlich Strategie-Brettspiel-Süchtlinge teilnehmen. So könnt ihr die erste Runde dazu nutzen, regelmäßig in die Anleitung zu schielen, ob ihr auch alles richtig macht, um ein Gefühl für die zahlreichen taktischen Möglichkeiten zu gewinnen, und um einen Überblick zu bekommen, wann im Spiel was geschieht. Wenn ihr direkt nach dieser „Trainingsrunde“ eine weitere Partie spielt, solltet ihr bereits im Regelwerk drin sein und könnt euch besser auf das Taktieren, Vorausplanen und Improvisieren aufgrund veränderter Machtverhältnisse einlassen.

Denn obwohl das Regelwerk von „Der Eiserne Thron“ lang und komplex ist, ist es sehr intuitiv. Hat man erst einmal die routinemäßigen Abläufe verinnerlicht, in welcher Reihenfolge Befehle erteilt und Aktionen durchgeführt werden, erklärt sich der Großteil des Spiels von alleine. Die detaillierte Spieleanleitung dient ab dann schlicht als feinmaschiges Sicherheitsnetz, das praktisch alle erdenklichen, speziellen Ausnahmesituationen nachskizziert, damit es mitten im Intrigenschmieden und Kriegführen am Spieltisch nicht zu unnötigen Debatten kommt, wer denn beispielsweise eine gelegte Aktionskarte richtig versteht oder absichtlich falsch auslegt.

Wer erobert Westeros?

Nur, wer den Durchblick behält, hat reelle Chancen auf den Thron. Wie? Das bleibt flexibel!

Schon durch das bereits erwähnte, ungeachtet vom Spielverlauf unabwendbare Ende nach zehn Runden, vermeidet „Der Eiserne Thron“ es, als „Risiko“-Klon dazustehen. Darüber hinaus verhelfen die zahlreichen Spielmechaniken der Brettspielversion von „Game of Thrones“ dazu, smarter, spannender und abwechslungsreicher zu werden als der oft kopierte, viel verkaufte, aber auch oftmals verfluchte Klassiker unter den Brettspielkriegen.

So ist „Risiko“ durch das Würfelspiel-Element in der Kriegsführung zu einer frustrierenden Portion vom Glücksfaktor abhängig. Bei „Der Eiserne Thron“ gibt es zwar auch Glückselemente, aber die treten stets früh innerhalb einer Spielphase ein und gestatten daher ein geschicktes Taktieren, um sein etwaiges Pech auszubügeln. Darüber hinaus sind bei „Risiko“ hitzige Debatten unter den Teilnehmenden nahezu unvermeidlich, da die Spiellogik es unabdinglich macht, dass Allianzen gebildet und letztlich durch hinterlistige Methoden gebrochen werden – ansonsten kommt „Risiko“ zu einem absoluten Halt. Diese Lug-und-Trug-Masche ist aber nur in sehr wenigen Spielgruppen reibungsfrei umzusetzen.

„Der Eiserne Thron“ erlaubt dagegen ein breiter gefächertes Taktieren als das stumpfe „Alliieren und dann gegenseitig in den Rücken fallen“ von „Risiko“: Neben Truppenaufstellung, weise gewählten Angriffsphasen und der Truppenstärke, entscheiden auch weitere Mechanismen über Wohl und Wehe der kämpfenden Clans. So entscheiden im Laufe des Spiels variierbare Aspekte darüber, in welcher Reihenfolge gekämpft wird, wer bei einem Unentschieden gewinnt, wie komplex die erteilten Truppenbefehle sein dürfen, oder wer, nachdem alle Befehle erteilt wurden, seine Taktik kurzfristig revidieren darf.

Es ist daher nicht zu empfehlen, mit seinem Kopf einzig und allein in der Kriegsstrategie zu verharren – auch die anderen Spielparameter sollten berücksichtigt werden. Denn wer hier und da an Aufwendungen für die offensive Strategie spart, kann sich dafür im richtigen Moment in den anderen Dimensionen des Spiels einen Vorteil erkaufen und sozusagen dort obsiegen, wo „Der Eiserne Thron“ den diplomatischen Aspekt eines Ränkespiels simuliert.

Befehlsmarker

Bitte nicht einfach so die Eiserne Flotte vergessen

Anders als in vielen schwächeren Strategie-Brettspielen kommt daher auch nie Langeweile auf: Während andere Spiele stärker auf zähe Aktion-Reaktion setzen und Spielende, die gerade weder am Zug sind, noch angegriffen werden, geistig abschalten können, ändert sich bei „Der Eiserne Thron“ quasi ununterbrochen etwas, das auf alle Teilnehmende Auswirkungen hat. Und sei es bloß der ungeschickte Rückzug seines benachbarten Clans.

Das gestattet es, sich auf sehr unterschiedliche Weise durch das Spiel zu schlagen. Unter anderem hat sich bei den 'Spiele.de'-Testrunden mehrmals eine konfliktscheue, neutrale Strategie als erfolgreich bewährt. Bei „Risiko“ wiederum würde solch ein „Ich habe keine Meinung, ich bin die Schweiz“-Verfahren vielleicht einmal in 123.765 Runden zum Erfolg führen, und das auch nur aus schierem Glück. Andere Male war das Meistern des zähflüssigen, und im Vergleich zum Bewegen der Fußtruppen komplizierten, nautischen Kampfes das Zünglein an der Waage. Und auch das klassische Überlisten seiner Kriegspartner brachte schon mehrere Siege ein.

Bei „Der Eiserne Thron“ entscheiden schlussendlich Vorausplanung, Flexibilität aufgrund sich ändernder Umstände, und die richtige Kombination aus dem eigenen Spieltyp sowie den Vor- respektive Nachteilen des gewählten Clans, über den Ausgang des Spiels. Und nicht, wer an diesem Abend besser würfelt oder einfach am längsten die restliche Spielrunde anbrüllt, bis sie bei einer Regeluneinigkeit zum Vorteil des Schimpfenden klein beigibt. Und, ganz wichtig … Anders als bei der Serie kann man im Falle, dass man mit dem Ausgang nicht zufrieden ist, einfach rufen: „Revanche!“

„Der Eiserne Thron“ ist für drei bis sechs Spielende ab 14 Jahren empfohlen. Der Spielehersteller schätzt eine durchschnittliche Partie auf eine Dauer von 120 bis 240 Minuten.

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